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proDie gute alte Zeit im Blick

Von Patricia Grähling / 30. September 2020
Credits: Bild von StockSnap auf Pixabay;

Wo wird das Virus uns hinführen? Wie unseren Alltag verändern? Die jetzige Krise zeigt auf, was uns lieb und teuer geworden ist – und worauf wir nicht verzichten sollten. Als Individuen nicht und auch nicht als Gesellschaft.

Die aktuelle Corona-Pandemie hat die Gesellschaft verändert. Und sie hat mit Sicherheit für einige tiefgreifende, dauerhafte Veränderungen gesorgt – viele davon sind gut. Aber es gibt eben auch viele Dinge, die vor Corona gut waren, die wir jetzt vermissen und die mit dem Ende der Pandemie auch wieder zurückkehren sollten. Einige Dinge und Verhaltensweisen, die wir gerade nicht mehr machen oder zeigen dürfen, sind wichtig für die Gesellschaft und den Zusammenhalt. Anderes ist wichtig für uns selbst und dafür, dass wir uns gut fühlen.

Wir dürfen und müssen uns also auf Bereiche unseres bisherigen Alltags rückbesinnen, natürlich erst wenn die Gefahr vorüber ist. Das bringt im Licht unserer neuen Erfahrungen während der vergangenen Monate auch neue Chancen. Denn wir können vieles aus unserem früheren Alltag sicher wieder viel besser schätzen. Weil man Dinge manchmal erst zu schätzen weiß, wenn man sie nicht mehr hat.

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber: Ich wünsche mir die “alten“ Vorstandssitzungen und Konferenzen zurück. Digitale Formate sind gemütlich und sparen eine Menge Zeit. Aber es geht in der digitalen Welt eben auch einiges verloren. Diskussionen laufen dort anders; Stimmungen, Gestiken und Mimik, die Atmosphäre und das Zwischenmenschliche, alles, was wir unterbewusst erfassen, fällt weg. Dadurch muss man sich mehr fokussieren, konzentrierter und durchweg disziplinierter arbeiten. Das macht es anstrengender – aber kürzer sind die Sitzungen dabei auch nicht geworden. Ein Mix aus beiden Varianten wäre für die Zukunft wünschenswert. Also: Vielleicht Sitzungen mit kontroversen Themen und vielen Besprechungen wieder ganz analog und altmodisch; Sitzungen mit viel Organisationsbesprechungen oder kurze Statusupdates zwischendurch mal digital.

Wir brauchen unsere Dorffeste

Und abseits von Arbeit und Ehrenamt: Das Gemeinschaftsleben in den kleinsten Einheiten – beispielsweise auf den Dörfern – hat ziemlich gelitten. Ja, viele Menschen sind solidarisch zusammengerückt, haben für Risikogruppen den Einkauf übernommen. Aber die Menschen sind auch isolierter. Der Frühschoppen, der Tanz in den Mai, die kleinen Oktoberfeste oder Chorabende und auch die vielen Dorffeste der Vereine sind in diesem Jahr weggefallen. Für die Dorfgemeinschaft und die Vereine selbst ist es wichtig, dass diese Angebote auch nach Corona ganz schnell wiederaufleben. Es bleibt zu hoffen, dass es die Vereine selbst dann noch gibt und die Engagierten wieder Spaß daran haben, solche Treffpunkte für ihre Mitmenschen auszurichten. Wir sollten im Dorfleben, sprich im gesellschaftlichen Leben wieder veranstaltungstechnisch zu den Prä-Corona-Zeiten zurückkehren können – gerne mit einer richtigen Renaissance, die das Vereinsleben wieder neu belebt. Das darf gerne ein neuer Trend werden, denn in den vergangenen Jahren nahm das Engagement in den Vereinen zusehends ab. Und gerade durch Feste finanzieren sich die Vereine oftmals hauptsächlich, damit die wertvolle Jugendarbeit, das Engagement im Verschönern von Orten oder der Unterhalt von vereinsgetragenen Sportheimen und Schwimmbädern weiter finanziert werden kann.

Körperliche Nähe fehlt

Ein ganz wichtiges Relikt aus Prä-Corona-Zeiten? Umarmungen! Ich vermisse die Umarmungen. Nicht von allen Menschen – aber von einigen dafür umso mehr. Es fehlt die Nähe zu den Personen, die nicht im gleichen Haushalt leben. Denn die meisten sind (zurecht) sehr vorsichtig geworden, halten bewusst Abstand. So kann man sich auch treffen und gute Gespräche führen. Aber einfach mal wieder zusammen frühstücken (auch mit den Risikopatienten unter meinen Freunden) und unbedacht dieselbe Butter mit dem eigenen Messer nutzen zu können; einen guten Freund mitten in der Stadt mit einer Umarmung zu begrüßen; den Geburtstag ohne Hygienekonzept mit der (ganzen) Familie und (mehr als sechs) Freunden feiern; das sind die Kleinigkeiten, die im Alltag fehlen. Und die doch eben unsere Beziehungen zu unseren engsten Freunden mit ausmachen. 

Und nicht zuletzt: Bei einer gewissen Verunsicherung, die erkälteten Menschen auch nach Corona sicher noch eine Weile entgegengebracht werden – für Allergiker wird es eine Erleichterung sein, sich nicht gleich schief angeschaut zu fühlen, wenn man in der Öffentlichkeit einmal unbedacht niesen oder husten muss. Für manche Allergiker wird die “Saison“, nicht zuletzt durch den Klimawandel, immer länger. Aber an der Kasse im Supermarkt zu stehen und in dem Moment die Nase putzen zu müssen, ist in der Corona-Pandemie doppelt so unangenehm geworden – nicht wegen des Mund-Nasen-Schutzes, sondern weil andere Menschen merklich auf Abstand gehen, auch mal leise und deutlich schimpfen, schief schauen. Wie lange soll das noch so weiter gehen?

Also mal ehrlich: Früher war zwar nicht alles besser. Aber es war eben vieles schon sehr gut – oder zumindest auf dem richtigen Weg. Wir haben jetzt auf neuen Wegen viel Neues gelernt und es lohnt sich, diesen Weg weiterzugehen. Aber eine Kreuzung und ein Stück weiterer gemeinsamer Weg (nach der Corona-Pandemie) wäre für uns alle wünschenswert. 

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