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DebatteZurück in die Zeit vor Corona?

Von Leonie Ziem / 30. September 2020
picture alliance / photothek | Thomas Trutschel/photothek

„Alltag“ klingt zunächst unpolitisch, nach Zähneputzen, Wäsche machen und sich zwischendurch vor Langeweile entlieben. Doch im Alltag findet das statt, was durch politische Bedingungen erzeugt wird. Die Trivialität, die der Alltagsbegriff suggeriert, lenkt davon ab, wie politisch er ist.

Alltag ist gelebte Normalität. Alltag bedeutet, dass nicht erst ein Tutorial über die korrekte Bedienung eines länglichen Stücks mit Borsten, auch Bürste genannt, gegoogelt werden muss, man darf stattdessen gleich loslegen. Vertraute Konzepte entlasten den Tag. Gleichzeitig ist der Alltagsbegriff hochpolitisch.

Alltag ist die Begegnung mit der Realität, über die wir abstrakt bereits sehr viel wissen. Wir wissen von bestehenden Diskriminierungsformen und Ungleichheiten. Wir wissen um unsere gesellschaftliche (Un-)Ordnung – im Alltag wird sie jeden Tag aufs Neue normalisiert. Sowohl die Täter*innenschaft als auch die Opferschaft und vor allem die Uneindeutigkeiten dazwischen werden normalisiert. Bei der Klärung von Machtverhältnissen ist der Blick auf den Alltag wohl einer der zuversichtlichsten Indikatoren. Viele Diskriminierungsformen bleiben für weiße, nicht-behinderte, heterosexuelle cis-Männer im Alltag unsichtbar. In einer strukturell rassistischen Gesellschaft zu leben bedeutet zudem, jeden Tag rassistische Verhaltensmuster zu üben. Grundschüler*innen müssen erst wieder verlernen, dass nicht nur die Buntstiftfarbe hellrosa als Hautfarbe gilt. Innerhalb Deutschlands gibt es somit alles andere als nur eine Normalität, und dass das auch finanziell gilt, ist hinlänglich bekannt: Laut einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) besitzen die oberen zehn Prozent Deutschlands rund zwei Drittel des Gesamtvermögens.

Wenn die Welt ein Dorf mit 100 Menschen wäre

Unsere Normalität auf 7,8 Milliarden Menschen angewandt, lässt sich nur schwer vorstellen. Ein Unterrichtsspiel aus der Bildung für Nachhaltige Entwicklung hilft: Wenn die Welt ein Dorf mit 100 Einwohner*innen wäre, gäbe es zehn Menschen aus Europa, 60 aus Asien, 16 aus Afrika und so weiter. In diesem Dorf gibt es ein Luxusviertel, in dem zehn Einwohner*innen leben, die immer höhere Zäune um ihre Villen bauen und knapp zwei Drittel der Energie verbrauchen. Die anderen 90 Einwohner*innen erhalten nur zehn Prozent des Einkommens. Deswegen sind auch die 14 ärmsten Menschen unterernährt. „Wenn du diesen Text lesen kannst, gehörst du zu den 87 Personen, die dies gelernt haben, vielleicht bist du sogar die glückliche Person, die einen Hochschulabschluss hat. Damit wärst du allerdings die einzige Person in deinem Ort.“ Wer also von Alltag redet, meint damit immer auch die verschiedenen Lebensrealitäten.

Und dann kam die Pandemie

Auftritt: Corona. Etwas Neues wurde Teil des Alltags. Meist räumt jedoch die Realität dem Gefühl des Ausnahmezustands gründlich hinterher und sorgt dafür, dass auch der sich irgendwann normal anfühlt. Die Menschen duschen statistisch später und kaufen sehr gerne Desinfektionsmittel. Etwa 20 Prozent mehr Anrufer*innen wählen laut der Bundesregierung die Nummer der Hilfetelefons bei häuslicher Gewalt. Die Menschen sind unterschiedlich stark von der Pandemie betroffen – Menschen, die bereits zuvor marginalisiert wurden, trifft es härter – andere leiden verstärkt unter den Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie: Das Leben in öffentlichen Räumen ist zum Teil massiv eingeschränkt.

Die Bestandsaufnahme des Corona-Alltags in Deutschland sieht so aus: In Supermärkten und öffentlichem Nahverkehr gelten Maskenpflicht, Hygiene- und Abstandregelungen. Ekstase, Feiern, das gibt es so gerade nicht oder kaum. Schüler*innen haben Präsenzunterricht, die meisten Studierenden nicht. Maskenpflicht gilt nur an manchen Schulen. Gaststätten und Hotels sind weniger besucht. Zu fragen wäre hier, nach wessen Bedürfnissen diese öffentlichen Orte ausgerichtet sind, welche Menschen werden berücksichtigt? Risikopatient*innen? Personen mit psychischen Vorgeschichten? Oder Wirtschaftswissenschaftler*innen und ihre Rechnungen? Die Gesamtbevölkerung und ihre solidarischen Bedürfnisse? Junge oder alte Menschen?

Die Politisierung öffentlicher Räume

Eine Toilettenpolicy, die nur Kabinen für Frauen und Männer hat, vergisst nicht-binäre Personen. Eine Verkehrsfläche, die wie in Berlin nur zu drei Prozent Fahrrädern zur Verfügung steht, privilegiert die Bedürfnisse der Autofahrer*innen. Das zeigt: Öffentliche Räume sind nicht „neutral“ und wurden erst durch die Pandemie verstärkt politisiert. Öffentliche Räume waren noch nie an die Bedürfnisse aller Menschen angepasst. Ob Klos, zu hohe Bordsteine oder die Lieblingsräume aller Autor*innen – die Sprachräume –, nirgendwo geht es unpolitisch zu. Das, was wir als alltäglich beschreiben, ist immer eine Normsetzung und damit möglicherweise auch eine stille Zustimmung. In Sprachräumen gelten genauso bestimmte Dinge als „normal“ oder „alltäglich“, bis sie jemand hinterfragt. Das Modell des Overton-Fenstersmacht dies deutlich, es zeigt an, welche Meinungen als politisch akzeptiert gelten. Innerhalb des Fensters steht der breite Konsens. Etwa: Demokratie ist gut, Alkohol für Vierjährige ist nicht gut, sich mit Corona anzustecken ist ganz und gar nicht gut. Außerhalb des Fensters gibt es verschiedene Abstufungen, die anzeigen, wie akzeptiert oder alltäglich eine Meinung ist. Die letzte Abstufung steht für das Undenkbare. Ideen, die uns heute so absurd vorkommen, dass sie gar nicht erst im Diskurs auftauchen. Wenn Ideen geäußert werden, ist der erste Schritt getan. Allerdings kann sich das Overton-Fenster in jede Richtung verschieben. Eine deutliche Diskursverschiebung nach rechts lässt sich bereits jetzt beobachten.

Die Frage danach, ob wir unseren Prä-Corona-Alltag wiederherstellen wollen, verhandelt somit die Frage, welche Bedürfnisse nun in den Vordergrund treten sollten – und diskutiert wird dies im Sprachraum, der selbst nicht neutral ist.



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