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Selbstständig aus dem Hamsterrad

Von Tom Albiez / 26. Januar 2022
picture alliance / Sergey Nivens/Shotshop | Sergey Nivens

Wenn man an Unternehmergeist und Entrepreneurship denkt, kommen einem in erster Linie die USA und charismatische Führungspersönlichkeiten wie Elon Musk in den Sinn. Aber warum? Auch Europa geizt nicht mit selbstständigen, risikobereiten und vor allem jungen Gewerbetreibenden oder Freiberuflern. Jedenfalls teilweise.

In der EU waren zum Beispiel im Jahr 2018 laut Eurostat 6,5 Prozent der jungen Erwerbstätigen zwischen 20 und 29 Jahren selbstständig tätig. Dabei sind die jungen Erwachsenen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich seltener selbstständig, als man vermuten mag. Von der Gesamtbevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren gehen nämlich immerhin 13,5 Prozent einer selbstständigen Tätigkeit nach. Die erste Feststellung lautet also: Selbstständigkeit und Unternehmertum ist eine Altersfrage.

Die zweite Feststellung ist, dass (Solo-)Selbstständigkeit sehr stark vom jeweiligen Land abhängt. Jeder dritte Grieche und jeder fünfte Italiener arbeitet auf eigene Rechnung. Dementsprechend liegt dort die Selbstständigen-Quote der jungen Erwachsenen über dem EU-Durchschnitt.

Nur wenig junge Selbstständige in Deutschland

Deutschland steht ganz weit hinten, was junges Unternehmertum angeht. Lediglich 2,8 Prozent der jungen Erwachsenen und 8,8 Prozent der Gesamtbevölkerung waren im Jahr 2018 selbstständig tätig. Hinzu kommt, dass die Zahl der Selbstständigen sogar abnimmt. Eine ähnlich niedrige Selbstständigen-Quote junger Erwachsener findet man nur im Baltikum und in Skandinavien.

Woran aber liegt es, dass junge Erwachsene ausgerechnet in Deutschland die Arbeit als Angestellte stärker als in anderen Ländern bevorzugen? Wird doch die Lohnarbeit bei einem Arbeitgeber nicht selten als „Hamsterrad“ beschrieben. Hart arbeiten, strampeln, kämpfen und trotzdem nicht vom Fleck kommen.

Alles eine Frage der Mentalität und der wirtschaftlichen Lage?

Der Global Entrepreneurship Monitor von 2019/20bescheinigt der Bundesrepublik im globalen Vergleich eine geringere Zuversicht bei potenziellen Existenzgründern und eine größere Angst zu scheitern. Wenn man sich entsprechende Zahlen zu Griechenland anschaut, ist demnach nicht verwunderlich, warum es eine so große Diskrepanz zu Deutschland gibt. Laut den Forschungsergebnissen ist die Angst bankrottzugehen in dem südeuropäischen Land unterdurchschnittlich gering. Die überlieferte Wahrnehmung von Scheitern als Chance widerspricht der hiesigen Gleichsetzung mit dem berühmten Ende der Fahnenstange. Wohl auch, weil in einer Region mit geringerer Wirtschaftsleistung eben auch die Fallhöhe geringer ist.

Zur Wahrheit gehört somit auch, dass neben der Mentalität ebenso die wirtschaftliche Lage des jeweiligen Landes als Motivation für Unternehmensgründungen taugt. Die “Ich-AG“ war ein geflügeltes Wort, als die sogenannten Hartz-Reformen, sprich Arbeitslosengeld II, Anfang der 2000er Jahre auf den Weg gebracht wurden. Das Gründen aus der Arbeitslosigkeit – oder auch: Alternativlosigkeit – heraus, war und ist immer noch ein relevanter Faktor bei Existenzgründungen, wie es heißt. Für ungefähr jeden zehnten Selbstständigen in Deutschland stand hinter der Entscheidung, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen, schlicht der Versuch, irgendwie an Arbeit zu kommen. Damit lässt sich auch die rückläufige Tendenz von Selbstständigkeit sowohl bei den jungen Erwachsenen als auch in der Gesamtbevölkerung Deutschlands erklären. Die Entwicklung der ökonomischen Situation und der Erwerbstätigenquote in Deutschland war in den letzten beiden Jahrzehnten überwiegend positiv. Der chronische Fachkräftemangel wirkt dazu nur im Ansatz anachronistisch. Durch ihn sind qualifizierte Arbeitnehmer in der Regel gegenüber Arbeitgebern in einer guten Verhandlungsposition. Wirtschaftliche Not als Beweggrund für Selbstständigkeit spielt hier zumindest keine ausschlaggebende Rolle.

Man könnte sagen, dass junge Erwachsene in Deutschland zwischen einer traditionell geringeren Risikobereitschaft und einer relativ bequemen Arbeitsmarktsituation “gefangen“ sind. Anders gesagt: Wer jung und qualifiziert ist, wird händeringend von Unternehmen gesucht. Warum also gründen?

Aber gibt es neben der Angst auch andere konkrete Hürden auf dem Weg zur Selbständigkeit für junge Leute? Unter anderem der Gender Gap. Junge Frauen in der EU sind nur zu 60 Prozent so häufig selbstständig tätig wie Männer ihrer Altersklasse. Dem Warum kann an dieser Stelle nicht angemessen nachgegangen werden. Doch alleine die Tatsache sollte aufhorchen lassen.

Begeisterung für Selbstständigkeit wecken

Unbestritten gibt es trotz aller Hindernisse eine gewisse Begeisterung unter jungen Leuten, was Start-ups und die berufliche Selbstverwirklichung angeht. Auch in Deutschland. Das zeigen Shows wie „Höhle der Löwen“, in der Gründer für ihre Projekte werben, um Investoren zu gewinnen, sowie eine Reihe von erfolgreichen, bekannten Jungunternehmen. Ob HelloFresh, YFood, Ankerkraut oder die mobile Bank N26: Auch die Deutschen haben Gründervorbilder, selbst wenn diese wesentlich weniger prominent sind als amerikanische Counterparts, die teilweise schon wie Popstars gefeiert werden.

Quo vadis, Deutschland? Das ist die entscheidende Frage, sollten Unternehmertum und Selbstständigkeit auch in Zukunft in Deutschland weiterhin eine eher untergeordnete Rolle spielen. Denn woher soll die Innovationskraft kommen, wenn nicht von jungen Menschen, die neue Ideen in der fruchtbaren Umgebung eigener Firmenstrukturen umsetzen? In etablierten Unternehmen ist es meist wesentlich schwerer, Innovationen durchzusetzen. Es braucht mutige Investoren, Politiker und Akteure aus Bildung und Wirtschaft, um jungen Menschen zu zeigen: Selbständigkeit ist eine echte Option neben Beamtentum und Angestelltendasein. Vielleicht kommt dann auch mal das nächste Google aus Deutschland.

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