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Transformatives Geschichtenerzählen

Von Christa Roth / 31. Dezember 2018
Credits: Photo by Cameron Kirby on Unsplash;

Wem hören wir zu? Für wen nehmen wir uns Zeit? Wessen Geschichte lassen wir an uns heran? Zwei Berlinerinnen wollten nicht über, sondern mit Geflüchteten ins Gespräch kommen und haben alle möglichen Barrieren aus dem Weg geräumt für ein einzigartiges Projekt.

Haben Sie schon einmal einen Abend mit einem Flüchtling verbracht, fragt die Wochenzeitung Der Freitag regelmäßig wechselnde Gäste beinahe zaghaft. Filmemacherin Anke Riester und Migrationsforscherin Chris Herrmann de Valdez haben längst den Überblick darüber verloren, wie oft sie sich bereits mit Geflüchteten getroffen haben. Seit etwa einem halben Jahr arbeiten die beiden Mitdreißigerinnen aus Berlin an einer Kurzfilmserie, bei der Flüchtlinge so gesehen werden können, wie sie – und nur sie – selbst es bestimmt haben.

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen. Erwachsenen, damit sie aufwachen“, soll der argentinische Autor Jorge Bucay gesagt haben. Auch Valdez und Riester sehnen sich nach einem Erweckungserlebnis für ihre Umgebung, damit die überhand nehmende Lethargie wieder ein Ende findet. Aufwachen, sich empören, aktiv werden! Das sollen vor allem Leute, die nicht sehen, dass das Leid Geflüchteter mit ihrer Ankunft in Deutschland noch nicht zu Ende ist.

„Wer durch die Hölle gegangen ist, um hier leben zu dürfen, hat sich das Aufenthaltsrecht hier meiner Meinung nach mehr als so manch ein ‚echter Deutscher‘ verdient“, sagt Riester. „Und das trifft auf unsere Teilnehmer zu.“ Aber wie zeigen, was in den Unterkünften geschieht, wie Geflüchtete leben, was sie bewegt?

Participatory Video-Methode (PV) heißt in Kürze: Der Teilnehmer oder Protagonist selber wird zum Regisseur. Es gibt keine externen Filter mehr, keine Einschränkungen durch einen fremden Kamera- und Tonmenschen. Auch wenn dadurch noch keine Objektivität erreicht wird, ist der Zugang zu den (intimen) Geschichten, der (schiefe oder unscharfe) Blickwinkel auf ihre Protagonisten durch PV glaubwürdiger und unverfälschter, was den Mangel an Professionalität wunderbar ausgleicht.

Vier unterschiedlichen Protagonisten folgen wir mit diesem Schwerpunkt zum Jahresabschluss: Der kurdischen Alevitin Gönül, Hala und Rodwan, die beide aus Syrien stammen, und schließlich dem Iraker Hadi. Sie alle lassen uns nicht einfach nur Einblick nehmen in ihr aktuelles Leben. Alle haben für dieses Projekt in nur zwei Monaten gelernt, eine Kamera so zu benutzen, dass daraus eine zusammenhängende Filmgeschichte entstehen konnte, die ihr eigenes Leben reflektiert. Ein Leben in Deutschland, nach der Flucht aus ihren bisherigen Heimatländern.

Selbstdarstellung versus Authentizität

Dass unsere Gesellschaft immer häufiger auf Selbstdarstellung und nicht auf Authentizität basiert, wie Filmemacherin Anke Riester kritisiert, davon scheinen selbst vorbereitete Einstellungen in den Filmen unberührt. Wenn man Zeuge einer Momentaufnahme wird, in der sich der 30-jährige Rodwan nach einer Umarmung seiner noch in Syrien lebenden Mutter sehnt, oder Hala, Mutter von vier Kindern, dabei zuhört, wie sie eine kleine heile Welt schafft für den Hauch einer glücklichen Kindheit in einem fremden und manchmal feindlich gesinnten Land, lässt einen das unmöglich unbewegt.

„Es braucht tausend Stimmen“, schrieb der Brasilianer João Camilo, „um eine einzige Geschichte zu erzählen.“ Als sagwas Anfang 2018 Unterstützerin dieses Projektvorhabens geworden ist, war die Hoffnung groß, auch mit weniger Stimmen Gehör zu finden. Jetzt ist aus Hoffnung Gewissheit geworden und jedes kleine Bisschen Aufmerksamkeit, das „Nach der Flucht | Mein Leben in Deutschland“ erhält, bedeutet, dass da draußen noch genug Leute sind, denen ihr eigenes, aber eben auch ein fremdes Schicksal nicht einfach egal ist. Und dass Leid sich verkleinert, wenn es geteilt wird.

(Fotos: Anke Riester, Chris Herrmann de Valdez)

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