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Wenn Biedermeier wählen

Von Marc Saxer / 10. Oktober 2011

Sie sind gekommen, um sich zu beschweren. Keine Gruppe kitzelt die Lifestyle Magazine mehr, wurde so gründlich von Marketingexperten durchleuchtet, wird so penetrant von Konsumindustrie und Parteistrategen umworben. Viel ist gesagt worden über die Pornoschwaben und Bionade Biedermeier, die mit ihren Kleinfamilien die trendigen Bezirke der deutschen Großstädte bevölkern. Wir wissen alles über die ironische […]

Sie sind gekommen, um sich zu beschweren.
Keine Gruppe kitzelt die Lifestyle Magazine mehr, wurde so gründlich von Marketingexperten durchleuchtet, wird so penetrant von Konsumindustrie und Parteistrategen umworben.

Viel ist gesagt worden über die Pornoschwaben und Bionade Biedermeier, die mit ihren Kleinfamilien die trendigen Bezirke der deutschen Großstädte bevölkern. Wir wissen alles über die ironische Grundhaltung der Hipster. Über den Rückzug ins Private der digitalen Bohème. Über die neue deutsche Familie zwischen Biobrei und Krippenyoga. Nun, so scheint es, ist die Neue Mitte doch noch politisch erwacht, und beginnt die behäbige Ordnung des deutschen Parteien-systems durcheinanderzuwirbeln. Eine Schulrevolution in Hamburg! Ein grüner Ministerpräsident im erzkonservativen Südwesten! Piraten entern das Berliner Abgeordnetenhaus! Neue Themen, neuer Protest, deutsche Wutbürger.

Und wie sieht sie aus, die politische Agenda der deutschen Kosmopoliten, der bestausgebildetsten Elite aller Zeiten? Liberal im Anliegen, strukturkonservativ in der Haltung und provinziell im Horizont. Trotz Hipster Glamour und Geeky Gadgets – die Biedermeier sind vor allem eines: bürgerlich. Das übersehen die Praktikantenrudeln der deutschen Online Redaktionen, die hinter jeder Nerdbrille schon eine Avantgarde vermuten. Richtiger ist da schon der Hinweis, die Direktheit und Unbeholfenheit der Geeks begründe eine neue politische Ansprache für das phrasenmüde Publikum. Den Ton treffen die neuen Anti-Politiker Politiker allerdings – ihre single issue Agenda ist geradezu ideal für eine Gene-ration, deren politisches Engagement sich im weiterleiten von Appellen zur Rettung von Eichenbäumen und zum Boykott des letzten Facebook Updates erschöpft.

Worum geht es den Neuen Bürgerlichen? Es geht um die Verteidigung des Rechts, das eigene, unmittelbare Lebensumfeld zu bestimmen. Es geht um die Abwehr von technokratischen Staatsdienern und zynischen Investoren, die diese kleine Lebenswelt nicht verstehen, sie mit ihrem Anspruch auf Regulierung und Gestaltung aber zu zerstören drohen. Nur so erklärt sich der Protest gegen Stuttgart 21, Mediaspree und Gängelviertel. Darin liegt die Kraft der Verteidiger der Freiheit des Netzes. Und hier pulsiert der heilige Zorn der Mustereltern, die bei der Aufzucht ihrer Young Performer nicht die kleinste Unzulänglichkeit dulden. Kurzum: eine klassisch liberale Abwehrhaltung, die die individuellen Freiheitsrechte gegen die Mächtigen verteidigt. Eine klassisch konservative Haltung, die Werte und die Heimat gegen Eindringlinge verteidigt. Und eine gewollt provinzielle Agenda, die das omnipräsente Gewitterdonnern von Finanzkrise, Klimawandel und Kriegen selbstbewusst zur Seite schiebt, um sich auf das unmittelbare Lebensumfeld zu konzentrieren.

Das macht all diese Anliegen nicht falsch. Die staatliche Einschränkung von Freiheitsrechten nach dem 11. September trägt in der Tat paranoide Züge. Die Investitionsprojekte, die ganze Stadtviertel und natürliche Lebensräume trans-formieren stellen das Profitstreben Weniger über das Wohl aller. Verständlich auch die defensive, ja ängstliche Grund-haltung der Biedermeier. Die hochausgebildeten und talentierten Lebenskünstler der digitalen Bohème haben nie etwas anderes gekannt als die Übernahme immer weiterer Lebensrisiken auf die eigene Kappe. Sie sind die Kinder des Neoliberalismus: Wer arbeitslos wird, muss eben flexibler werden! Wer krank wird, hat sich nicht gesund genug ernährt! Und wenn es den Kinder einmal schlechter geht als uns, dann müssen sie eben zu perfekten Performern erzogen werden, die auch auf dem brutalsten Arbeitsmarkt bestehen können!

Das Problem liegt vielmehr im Verzicht auf den nächsten Schritt. In der Analyse werden Strukturfragen allzu oft auf Einzelaspekte reduziert. Aber selbst Experten verzweifeln ja ob der Komplexität von Finanzkrise, Klimawandel und Nahostkonflikt. Die völlige Durchdringung der Gesellschaft von ökonomistischen Logiken, die perverse Vorherrschaft von Einzelinteressen über das Gemeinwohl, das Prä der Finanzmärkte über die demokratisch legitimierte Politik wird bestenfalls resigniert zur Kenntnis genommen. Die enge politische Agenda lässt viele Themen jenseits der eigenen Lebensumwelt einfach außen vor. Das Elend auf den eigenen Straßen, nein die Armut der Welt übersteigt ja auch tatsächlich die Mitleidensfähigkeit jeden dauerbombar-dierten Weltbürgers. Lösungsvorschläge setzen dem-entsprechend beim Individuum an, weil das die einzige Einheit ist, die scheinbar noch der eigenen Kontrolle unterliegt. Klimawandel wird daher durch Konsumverzicht bekämpft, der Zusammenbruch der öffentlichen Daseinsvorsorge durch die Selbstausbeutung der Ärzte, Lehrer und Polizisten und die Diktatoren der Welt, naja, weiss auch nicht, durch facebookbadges?

Vorwerfen muss man den Neuen Bürgerlichen eigentlich nur ihren völligen Verzicht auf die Mitgestaltung der Gesellschaft. Ein Gestaltungsanspruch ist über ein “Not in my backyard“ der Wutbürger nirgends zu erkennen. Nicht von ungefähr erinnert das Frauenbild der Piraten an unselige Zeiten. Gesellschaftspolitik, anyone? Äh ja, mehr Geld für die Arbeitslosen wär irgendwie okay. Und kein Blut für Öl. Ja, danke.

Der Grundfehler liegt schon im Weltbild der Biedermeier: das zentrale Problem unserer Zeit ist eben nicht das Verhältnis der Bürgers zum Staat. Die Freiheit der Bürger wird vielmehr von der Freiheit des Kapitals bedroht, ja ausgehebelt! Und diesem unsichtbare Tyrann ist nicht mit individuellem Protest beizukommen. Nicht von ungefähr stürzen die Staatstyrannen in Kairo und Tunis, wenn das Volk die Kundgebungsplätze besetzt, lachen die Investoren aber über das Häuflein Demonstranten auf der Wall Street. Der neue Tyrann hat keinen Ort, weil er keinen Körper hat. Er wird daher nur durch eine Umstellung des Systems zu stoppen sein. Und für diesen Kampf braucht es mehr als Ahoibrause und Frauenquote. Hier wird der alte Staat, zerschlagen und antiquiert wie er ist, gebraucht. Um eine Gute Gesellschaft zu bauen werden wir alle mit anpacken müssen.

Eine Antwort zu “Wenn Biedermeier wählen”

  1. Von Democracy 3.0: Zeit für ein Systemupdate! » am 9. Februar 2016

    […] Anspruch auf Mitbestimmung kontrastiert allerdings das selektive Interesse ihrer Wähler (Wenn Biedermeier wählen): Zu den meisten politischen Fragen möchte der Pirat am liebsten gar keine Meinung haben. Wo […]

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