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Wie wollen wir in Zukunft leben?

Von Nadine Tannreuther / 2. September 2020
Credits: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay;

Meine Stadt, mein Zuhause, meine Familie, mein Job. An Liebgewonnenem und Vertrautem halten wir uns fest, lassen es nur ungern los. Und dann ist plötzlich alles anders.

Ein einziges Ereignis kann die Welt auf den Kopf stellen. Auch die von sehr organisierten und strukturierten Menschen. Die Deutschen etwa gelten als überpünktlich, gewissenhaft, ordentlich und vor allem diszipliniert. Sie passen damit genau in das Schema der Globalisierung. Denn diese macht es heutzutage möglich, immer schneller und von überallher miteinander zu kommunizieren, immer günstiger zu produzieren und damit auch jederzeit zu arbeiten und fleißig zu sein. Fleißig, wie das Klischee von den Deutschen. Aber ist dieses ewige ‚Hamsterrad‘ wirklich normal? Wollen wir so in Zukunft leben?

Ein Hamsterrad, eigentlich für die Heimhaltung von Kleintieren gedacht, ist schließlich nicht umsonst Teil eines Käfigs. Errichtet aus einer Konstruktion aus Holz, Kunststoff oder auch Drahtkonstruktion, welche den Bewegungsdrang kleiner Tiere in ihrem komplett verschlossenen Lebensraum bedienen soll, funktioniert der Antrieb dieses Laufrads nur durch die Eigenkraft des Tieres. Natürlich ist es kein Ersatz für eine artgerechte oder gar natürliche Lebenshaltung. Es schafft lediglich die Illusion, dem Stillstand wäre zu entkommen, es ließe sich ins Offene hinaus ge- und damit Freiheit erlangen.

Kein Wunder, dass das Hamsterrad als Sinnbild für Routine und immer wiederkehrende Abläufe verstanden wird, die meistens ermüdend und frustrierend und vielleicht auch mal entlastend das menschliche Leben prägen.

Tüchtig wie die Deutschen

Ein einziges Ereignis kann die Welt auf den Kopf stellen. Heute, Mitte 2020, leben wir inmitten einer Pandemie. Eine Pandemie, die uns wochenlang zu Hause mehr oder weniger eingesperrt hat. Die unseren (Arbeits-)Alltag sowie unsere Verhaltensweisen verändert hat. Der wir uns notgedrungen angepasst haben. Durch sie ist ein für alle Mal klar geworden: Was kommt, ist ungewiss.

Franziska Kaschub, Psychologin aus Mainz, beschäftigt sich inzwischen verstärkt mit Zukunftsfragen aller Arten. Eine davon könnte aktuell lauten: Bist du schon im „neuen Normal“ angekommen? Denn „normal“ ist nur noch weniges. Nehmen wir das Beispiel Arbeit. „In deutschen Büros herrscht oft noch eine Präsenzkultur vor, hinter der die Einstellung steckt: Nur was man sieht, findet statt. Das heißt die Arbeit, die von zu Hause erledigt wird, wird vom Chef anders oder nicht direkt wahrgenommen. Dadurch fallen alle anderen Möglichkeiten weg, um zu beweisen, was man doch für eine gute Arbeit macht. Beziehungsweise man erhält weniger Feedback zur eigenen Leistung”, so Franziska Kaschub. Vielen Deutschen entspricht diese Sichtweise. An ihrem Arbeitsplatz können sie beweisen, wie tüchtig sie sind. Und das kommt den meisten entgegen, denn viele von uns Deutschen definieren sich über ihren Beruf. Immerhin hängt ein Gutteil unserer gesellschaftlichen Stellung und Anerkennung davon ab.

Dass dieses Denken nicht mehr als „normal“ oder gar als Selbstverständlichkeit akzeptiert werden muss, konnte aber anscheinend erst durch das Auftauchen einer Viruserkrankung allgemein in Frage gestellt werden. Die Abkehr vom gängigen ‚Das-haben-wir-immer-schon-so-gemacht‘ drängt nun Unternehmen dazu zu erkennen, wie wichtig es ist, Mitarbeitern (mehr) zu vertrauen und Arbeitsformen zu modernisieren, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Veränderungen sind darum nicht weniger unangenehm, doch „wir sollten dazulernen, um Fähigkeiten sowie Expertentum, Kontrolle und Führungsaufgaben zu optimieren”, fordert Franziska Kaschub.

Von Angst geprägt

Ein einziges Ereignis kann die Welt auf den Kopf stellen. Alltag, das ist für viele vor allem Arbeitsalltag. Vor der Pandemie ging es immer schon primär darum, sich anzustrengen, so stressresistent wie nur möglich zu sein oder einfach um jeden Preis durchzuhalten. Das Ziel war: mehr und mehr schaffen, um irgendwann (sorgen-)frei und unabhängig leben zu können. Die Pandemie hat diesen Zustand (noch) nicht zum Besseren gewendet.

Ingrid Tonn-Euringer, seit über zwanzig Jahren als Personal-Coach tätig, erkennt dennoch in der gegenwärtigen Covid-Krise in erster Linie eine Chance. „Durch Corona werden wir ängstlicher. Fürchten, uns bald nichts mehr leisten zu können, bis hin zu Existenzängsten”, so Tonn-Euringer. „Dies bewirkt jedoch auch, dass Menschen wieder mehr zusammenrücken und dies oftmals auch müssen. Der Druck erzeugt eine neue Art von Stress – miteinander und unter diesen Umständen untereinander –, um klar zu kommen.” Ihr Lösungsansatz: Mehr Gelassenheit für eine bessere Lebensgestaltung.

Ob wir Deutschen diesem schon bald folgen werden, lässt sich schwer abschätzen. Nicht umsonst ist im Ausland der Begriff der „German Angst” auch unter nationalen Angaben etabliert. Deutschland ist geprägt von Angst. Wir reagieren in Bezug auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen eher zögerlich – bis wir handeln müssen (oder dazu gezwungen werden).

Kontraproduktive Konkurrenz

Ein einziges Ereignis kann die Welt auf den Kopf stellen. Sönke Sievers, der mehrere Jahrzehnte als Versicherungsberater Führungskräfte und Angestellte im Prozess der Unternehmenskultur begleitet hat, erinnert Haltung und Betrachtung der Deutschen an eine bekannte Sparkassenwerbung der 1990er Jahre: mein Haus, mein Auto, mein Boot – das zählt. „Dies ist in den Jahren vor Corona noch weiter in den Vordergrund gerückt“, beschreibt es Berater Sievers. Es galt, sich von niemandem „reinschauen“ zu lassen, dass man sich durchsetzt und vor allem besser dasteht als der Nachbar. „‘Meine Kinder sollen es mal besser haben‘, diesen Satz hörte man in Deutschland nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg von Eltern häufig.“

Sönke Sievers‘ unterschwellige Kritik ist auch als Botschaft zu verstehen. „Wer vor Corona keine Kultur des Miteinanders pflegte, dort wirkt Corona als Katalysator und bringt bestehende Probleme an die Oberfläche.“ Dass derartiges Konkurrenzverhalten heute unnötig, wenn nicht sogar kontraproduktiv sein kann, hat sich noch nicht bei allen herumgesprochen. Das ändert an der Tatsache jedoch wenig, dass Corona nicht nur Krise sein muss, sondern auch Appell: Raus aus dem Hamsterrad!

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