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Wunderbare Jahre?

Von Sarah Koeksal / 17. Dezember 2018
Credits: Photo by Arthur Yeti on Unsplash;

Irgendwo auf dem Weg zwischen Schulabschlussfeier und morgendlicher Routine im ersten „richtigen“ Job heftet sich das Erwachsenendasein an einen – und lässt nicht mehr los. Das kann ziemlich beänstigend sein.

Die Zwanziger sind für die meisten eine turbulente, aufregende Lebensphase – und gleichzeitig ziemlich beängstigend. Zwar ist man bereits mit 18 auf dem Papier volljährig, aber so richtig zählt das nicht. Zumindest dann nicht, wenn man noch bei Mama und Papa wohnt. Mit dem Umzug in die erste eigene Wohnung stellt sich dagegen für viele ein völlig neuer Alltag ein. Und ungeahnte Freiheiten.

Dazu zählen Dinge, die zuvor tabu waren: sich an einem Montagabend zu betrinken – sich überhaupt zu betrinken, im Schlafzimmer zu rauchen – überhaupt zu rauchen, Pizza um drei Uhr morgens zu backen, das schmutzige Geschirr eine Woche lang in der Badewanne zu stapeln, etc. Solcherart sind die Momente, in denen man zunächst völlig überzeugt ist, dass die Zwanziger schlichtweg die beste Zeit des Lebens sein müssen. Daneben gibt es aber auch eine andere Sorte von „coming of age“-Premieren, die einen mit den Jahren immer ein bisschen nervös(er) werden lassen. Aber gut, ausgewachsene Panik-Attacken, Gefühle von Überforderung oder Hilflosigkeit haben wir alle schon erlebt und uns gefragt: Ist das so richtig? Wie funktioniert das nochmal? Was wird jetzt von mir erwartet? Oder: Vielleicht doch besser Mama fragen!?

Wenn man das erste Mal einen eigenen Mietvertrag unterschreibt oder es beim Bewerbungsgespräch plötzlich um’s Ganze geht – und nicht nur um das nächste Taschengeld – merkt man, dass man sich vor dem Erwachsenwerden nicht mehr lange drücken kann. Gewissermaßen über Nacht muss man für sich und seine Entscheidungen Verantwortung tragen. Denn auf einmal wird man gezwungen, sich zu entscheiden, das heißt festzulegen und auf die vielen Fragen des Lebens eine passende Antwort zu finden: Wo will ich mit meinem Leben hin? Wo fühle ich mich zugehörig? Was will ich eigentlich?

Bloß nicht festlegen!

Was nach Nichtigkeiten im Leben von Wohlstandskindern klingt, kann vielen Angst machen und soziale Strukturen aufweichen. In unserer schnelllebigen, heterogenen Gesellschaft (Stichtwort: „anything goes“) ist es nämlich gar nicht so leicht, auf so viele Fragen kluge Antworten zu geben. Vorbei die Zeiten, als man sich noch getrost an generationenalte Traditionen halten konnte. Für viele ist es heute beispielsweise unvorstellbar, unhinterfragt den Beruf der Eltern zu übernehmen. Darunter leiden vor allem Familienbetriebe, die keine Nachfolger finden. Gerade Millennials wünschen sich mehr Zeit für Freunde, Familie, Hobbys und soziales Engagement. Was auch bedeutet: mehr Zeit für Selbstfindung.

Sogar in der Liebe zeigt sich die Angst vor dem Festlegen. Der Trend geht eindeutig zum steigenden Heiratsalter. Sowohl Frauen als auch Männer sind heute bei der ersten Eheschließung durchschnittlich fünf Jahre älter als noch 1995. Ob das an der viel zitierten Bindungsangst liegt? Sicherlich beeinflussen der unstete, globalisierte Arbeitsmarkt und sich wandelnde Geschlechterrollen unsere Entscheidungen immer mehr. Auch alternative Beziehungsformen von Mingle bis Polyamorie erfreuen sich zunehmender Popularität. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts GfK wünschen sich mindestens 29 Prozent der Deutschen, unverbindlich liiert zu sein, unter den 20- bis 49-Jährigen sind es sogar 49 Prozent. Dass man sich so eher Optionen offen halten kann, empfinden viele als Vorteil: Hemmungen sinken, sich zu „trennen“, sollte eine noch bessere Partie auftauchen. Oder man sucht sich für jedes Bedürfnis die passende Person anstatt alles von einem Partner zu erwarten.

Mehr Optionen = bessere Entscheidungen?

So häufen sich allerdings die noch ausstehenden ersten Male: Die erste große Liebe hat man schon hinter sich, aber die erste Beziehung zu dritt? Eine Berufsausbildung ist in der Tasche, macht eine zweite mich erfolgreicher? Das ewige Ausprobieren – eine Dauerschleife. „Nichts auslassen“ gerät für junge Erwachsene zur Pflicht, wenn grundsätzlich alles möglich ist. Wissenschaftler sprechen von einer sogenannten Fear of missing out (kurz: FOMO): Man will nichts verpassen, überall dabei sein – und sich nicht blamieren, ließe sich hinzufügen.

Doch der omnipräsente Selbstoptimierungswahn widerspricht der Idee, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Ein Erfahrungsschatz beinhaltet beide Seiten. Und so zeigt sich schnell die Dialektik der vielen Entscheidungsmöglichkeiten: Man hat zwar so viel Freiheit wie nie zuvor, aber eben auch einen gesteigerten Druck, das vermeintlich Richtige zu tun.

Die einfachste Lösung für dieses Dilemma wirkt überhaupt nicht wie eine, scheint sie doch nach wie vor darin zu liegen, einfach abzuwarten und es weiter zu probieren. Schöner Nebeneffekt solcher Ausprobierphasen: Man kann nicht wirklich scheitern. Schließlich hat man sich ja noch nicht endgültig festgelegt. Oder gar: verpflichtet – welch hässliches Wort!

Keine Wahl zu treffen ist jedoch auch eine Entscheidung. Für nichts Bestimmtes. Dass man sich dem Risiko aussetzt, jegliche Orientierung darüber zu verlieren, worum es geht und was zählt, wird von vielen in Kauf genommen. Aber: Warum auch nicht!? Denn wenn wir eines mit Sicherheit über unsere Zukunft sagen können, dann dass sie sowieso unsicher ist. Die gute Nachricht dabei lautet, dass uns eine Vielzahl von Wegen offen steht und wir so individuell wie noch nie zuvor sein können. Okay, Sackgassen und Umleitungen inklusive. Die ersten Male gehen uns dabei sicherlich nicht allzu bald aus. Und das ist doch gut so, auch wenn die Angst einen nicht wirklich loslässt.

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