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Zwischen den Welten

Von Michael Heck / 8. August 2018
Photo by Johannes Plenio on Unsplash

Was soll man machen, wenn man nicht um die Möglichkeiten weiß, die einem offen stehen? In welche Richtung soll man gehen, um sich für eine zu entscheiden? Mein Werdegang verlief nicht geradlinig und folgte keinem Plan. Dennoch habe ich meinen Weg gefunden.

Der berufliche Lebensweg einer Person ist oft schon grob vorgegeben. Wahlfreiheit und Spielraum zur individuellen Gestaltung gibt es meist nur innerhalb eng gesteckter Grenzen: Arbeiterkinder erlernen häufig einen handwerklichen Beruf und Akademikerkinder schlagen in der Regel eine akademische Laufbahn ein.

In meiner Familie bin ich der erste Akademiker. Mein Wunsch nach Abgrenzung von meiner Familie war im Grunde überhaupt erst der Anstoß, an die Uni zu gehen. Und auch mein gesamtes soziales Umfeld hat mich geradezu dorthin getrieben. Doch von vorne.

Was sonst!?

Nachdem ich die mittlere Reife erworben hatte, war klar, dass ich eine Ausbildung machen würde. So sahen das meine Eltern. Was sonst?! Ich folgte ihren Erwartungen und bewarb mich um eine Ausbildungsstelle zum Mechatroniker. Meinen Platz fand ich in einer großen, amerikanischen und international agierenden Firma, in der einem eine sehr gute, wenn nicht gar eine der besten Ausbildungen in diesem Métier, zuteil wurde. Der Beruf des Mechatronikers galt zum Zeitpunkt meines Ausbildungsbeginns 2001 als zukunftsweisend. Er verbindet das Tätigkeitsfeld des Mechanikers mit dem des Elektrotechnikers.

Bereits früh merkte ich, dass der Beruf als solcher zwar recht interessant ist und mir die Möglichkeit bot, mir neue Kompetenzen anzueignen – darunter fallen nicht nur handwerkliche Fähigkeiten (Umgang mit CNC-Fräsmaschinen oder -Drehmaschinen), sondern auch organisatorisches Geschick (eigenständiges, lösungsorientiertes und strukturiertes Arbeiten) –, doch da war etwas, was mich störte oder irritierte: Zu keinem Zeitpunkt habe ich mich im Handwerk wohlgefühlt.

Fehl am Platz

Mit der Zeit kristallisierte sich immer deutlicher heraus, dass ich unzufrieden damit war, in einem handwerklichen Beruf gleichsam festzustecken. Sicher, das Erschaffen neuer Dinge aus Rohstoffen oder die Bearbeitung von bereits Bestehendem – ja, das ist ein spannendes Moment handwerklichen Tuns. Aber da, wo ich arbeitete, gab es für alles eine Blaupause, von der man keinen Grat abweichen durfte. Alles, bis ins kleinste Detail, war vorgezeichnet, festgelegt, fixiert. Raum für Kritik und Reflexion gab es keinen. Doch gerade diese beiden Fähigkeiten sind mir für mein Leben und Denken von großer Bedeutung.

Ich fühlte mich so fehl am Platz – ich musste einfach etwas an meiner Situation ändern, zumal ja die Ausbildung hauptsächlich dem Drängen meiner Eltern geschuldet war. Wo ich doch selbst überhaupt keinen Schimmer davon gehabt hatte, was ich wirklich wollte.

Von der Philosophie getrieben

Es ist eigentlich absurd: Als junger Mensch, beinahe noch als Kind, von der Schule abzugehen und sich für eine Ausbildung zu entscheiden, die darin mündet, dass man einen Beruf erlernt, den man unter Umständen für den Rest seines Lebens auszuüben hat.

Als 16-Jähriger, der ich damals war, hat man die Tragweite dieser Entscheidung noch gar nicht klar vor Augen. Ich fragte mich vor Ende meiner Ausbildung, wie es danach weiter gehen sollte. Denn zumindest eines wusste ich genau: Diesen Beruf werde ich nicht weiter ausüben. Aber was dann? 2003 fasste ich den Entschluss, die allgemeine Hochschulreife zu erwerben, kurz darauf: Philosophie zu studieren.

Angehörig, nicht zugehörig

Nach dem Abitur habe ich mich an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn für Philosophie eingeschrieben. Schon als Jugendlicher interessierte ich mich für moralische und erkenntnistheoretische Fragen. Die Frage, ob oder wie sich das Studium in irgendeiner Weise nutzbringend mit meiner Ausbildung verbinden ließe, stellte ich mir nicht. Mein Ziel hieß: kritisches Denken lernen. Losgelöst von eigenen Gefühlen und Befangenheiten, wollte ich mich ganz der Sache verschreiben, um gemäß ihrer urteilen und werten zu können. Das war mein Ziel und das Studium der Weg dahin.

Doch nun muss ich feststellen, dass ich mich in der Universität ebenso unwohl fühle wie zuvor im Handwerk! In der Vergangenheit habe ich mich oft als einen ‚teilnahmslosen Teilnehmer’ empfunden. Diese eigenwillige Wortschöpfung meint in meiner Vorstellung eine Person, die einem bestimmten, in gewissem Maße variablen Kontext angehört, sich dort aber nicht zugehörig fühlt. Der teilnahmslose Teilnehmer weiß nicht, wer genau er ist und wo er hingehört.

Begreife ich mich dennoch als ‚homo faber‘? Als ein Mensch also, der sich seine Umwelt durch Bearbeitung seinen Zwecken gemäß formt? Im übertragenen Sinne könnte ich mich zu einer Bejahung verleiten lassen. Denn es waren die von mir vollbrachten Anstrengungen, die mich in die Lage versetzten, aus meiner Prädestination zum Arbeiter auszubrechen und mir einen neuen Lebensraum zu erschließen. Auch wenn diese Entwicklung selten gradlinig verlief, so ist sie doch ein gangbarer Weg und vor allem: Das ist mein Weg. Noch immer. Dadurch, dass ich mir meine Umwelt eigenständig durch Bildung und Weiterbildung geformt habe, der erste Akademiker in meiner Familie bin, ja, in diesem Sinne könnte ich mich als schöpferisch ansehen.

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