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„Die eigene Geschichte zählt“

Von Christa Roth / 31. Dezember 2018
Credits: Photo by Val Vesa on Unsplash;

Hinter den Kulissen haben die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Bezirksamt Neukölln durch ihre Unterstützung in diesem Jahr ein Flüchtlingsprojekt ermöglicht, das seinesgleichen sucht: „Nach der Flucht | Mein Leben in Deutschland“ lässt Geflüchtete nicht nur zu Wort kommen. Sie selbst bestimmen Drehbuch und Produktion. Doch ohne die unermüdlichen Initiatorinnen Anke Riester und Chris Herrmann de Valdez gäbe es nichts zu berichten. Grund genug, bei ihnen nach der Geschichte hinter den Geschichten zu fragen.

Sagwas: Das Projekt ist nach bald einem halben Jahr steter Arbeit beinahe abgeschlossen. Wie geht es euch heute?

Chris Herrmann de Valdez: Noch sind wir mitten drin. (lacht) In Kürze treffen wir uns alle zum gemeinsamen Essen. Dann kommt im Frühjahr die Präsentation der Filme vor Live-Publikum…

Anke Riester: … die wir auch gern früher angepeilt hätten. Immerhin sollen alle Filmschaffende dabei sein. Und bei manchen wissen wir nicht, wie es in ein paar Monaten um ihren Status bestellt ist, wo sie dann sein werden.

Blicken wir zurück: Wie kamt ihr auf die Idee, ein solches Projekt ins Leben zu rufen?

Herrmann de Valdez: Als die Idee 2016 entstand, war Anke hier, ich aber noch in Mexiko, wo ich in einer Migrantenherberge gearbeitet habe. Dass ich nach meiner Rückkehr weiter mit Migranten und Flüchtlingen arbeiten würde, war klar. Aber den wirklichen Ausschlag gab die Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule im Januar 2018, bei der wir morgens um 7 Uhr dort in einer kleinen Gruppe standen und uns fragten, wo sind all‘ die anderen Leute!?

Riester: Alleine, das war für mich klar, schaffe ich es nicht. Erst als Chris ihre Unterstützung signalisiert hat, konnten wir loslegen. Sie und ich hatten bereits in Mexiko zusammengearbeitet und wussten, dass das gut funktioniert. Und wir mussten einfach etwas tun. Sich in der eigenen, vermeintlichen Ohnmacht auszuruhen, war keine Option mehr. Eine Demokratie lebt davon, dass man handelt. Auch abseits der Politik, wenn die als Mittel versagt, weil sie sich zum Handlanger der Wirtschaft machen lässt.

Sind denn die Medien der bessere Ort, um etwas zu verändern?

Riester: Film ist das Medium meiner Generation, um anderen Dinge nahe zu bringen. Mein halbes Leben lang beschäftige ich mich damit. Die einseitige Berichterstattung zum Thema Flucht hat mich wütend gemacht. Ich musste zusehen, wie Menschen um mich herum ihr Vertrauen in die Medien verlieren. Ich durfte aber nicht zulassen, dass dem Medium Film, mit dem ich kommuniziere, das passiert.

An Geldgeber und Teilnehmer seid ihr mithilfe eines Berliner Emailverteilers gekommen. Am Ende sind mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Bezirksamt Neukölln dezidiert politische Akteure mit an Bord gegangen.

Herrmann de Valdez: Dass wir mit einigen parteinahen Stiftungen nicht zusammenarbeiten wollten, war uns schnell klar. Aber bei der Friedrich-Ebert-Stiftung gab es von uns beiden direkt grünes Licht.

Riester: Und in sagwas haben wir uns gleich wiedererkannt, weil wir demselben Ziel folgen. Dass wir unser Projekt ohne Kompromisse ausführen konnten, konnten wir erst gar nicht glauben. Auf diese maximale künstlerische Freiheit hofft man, aber man rechnet nicht mit ihr, weil in solchen Strukturen natürlich Sachzwänge vorherrschen.

Herrmann de Valdez: Deswegen sind wir beiden Stellen – der Ebert-Stiftung und dem Bezirksamt – enorm dankbar für ihr Vertrauen in uns.

Riester: Und für die Möglichkeit, wieder Hoffnung schöpfen zu können aus politischen Kontexten.

Trotz des ersten Erfolgs: Welches Hindernis hat euch die meisten wachen Nächte beschert?

Riester: Neben der Finanzierung an sich war da sicherlich die Angst, in einen Topf geworfen zu werden mit denen, die rein für’s Prestige „irgendwas mit Flüchtlingen“ machen. Als sich die gelegt hatte und wir finanziell sicher waren, ging es darum, geeignete Teilnehmer zu finden.

Herrmann de Valdez: Wir sind in der gesamten Stadt überallhin gegangen: Zu Sprachcafés und anderen Gruppentreffs, sogar in Unterkünften und Sprachschulen waren wir, um die Projektidee und uns persönlich vorzustellen. Aber sobald es um Kameras ging und darum, sich selbst zu zeigen, haben die meisten abgewunken.

Welchen Ansatz habt ihr gewählt, um Vertrauen zu schaffen?

Riester: Es kommt drauf an, wer was wie einsetzt. Ich habe die PV-Methode in der Filmhochschule kennengelernt und in Afrika und Indien bereits angewandt, weil sie dort bekannter ist als in Europa. Aber nach der “Flüchtlingswelle“ wollte ich das Prinzip hier ausprobieren. Jemand sollte einen Film über sich selbst machen können. Damit einhergeht eine Art Self-Empowerment, weil dieser jemand sich mit dem Instrument der Kamera direkt ausdrücken kann und die Kontrolle über das Gezeigte behält. Dass die Vorbereitungsworkshops so nicht nur zur Einführung in den Umgang mit der Technik dienten, sondern auch immer wieder wie eine Therapiesitzung wirkten, war ein positiver Nebeneffekt.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Riester: Jede und jeder hat mal geheult, als ihre Geschichten thematisiert wurden. Und wir anderen haben dann mitgeweint oder uns in den Arm genommen.

Herrmann de Valdez: Das Thema Politik anzusprechen war heikel. Was gesagt werden darf, spielte auch mit Blick auf die Familie zuhause eine Rolle.

Riester: Da war am Anfang viel Angst.

Eine handvoll Leute hat sich schließlich im September auf das Experiment eingelassen.

Herrmann de Valdez: Wir wollten mit einer kleinen Zahl intensiv arbeiten, um uns besser kümmern zu können, aber auch um uns selbst leichter zu öffnen. Weil auch das von Anfang an dazugehört hat: Treffen bei mir zuhause, gemeinsames Kochen. Wir konnten ihnen so vermitteln, dass sie das alles in erster Linie für sich tun können, für ihre Familie, um eine Botschaft auszusenden. Und dass ihre eigene Geschichte zählt. Denn es gibt viele Leute auf der Straße, die davon nichts wissen.

Im Herbst wart ihr in der heißen Produktionsphase. Wie verlief diese?

Riester: Von einem älteren Herrn mussten wir uns trennen, weil er mit der Gruppendynamik irgendwann nicht mehr mitkam. Aber die restlichen Drei* sind sehr über sich hinaus gewachsen! Die meisten haben ja nie eine richtige Kamera in der Hand gehabt, von Filmsprache keine Ahnung. Bei einigen wollte sich das Umfeld nicht drehen lassen, was die Sache nicht gerade vereinfacht. Die Leistung ist deshalb nicht zu unterschätzen.

Herrmann de Valdez: Auch die Lerneinstellung hat sich komplett gewandelt. Anfangs waren alle eher gelassener drauf, haben sich wenig notiert. Aber zum Schluss, unter dem Druck, ernsthaft zu arbeiten, haben sie sich angestrengt, konzentriert dabei zu sein.

Riester: Das ist eben die Schwierigkeit, die sich ergibt, wenn man eine Balance zwischen Familiarität und Professionalität sucht und unterschiedliche Leute aus ganz verschiedenen Kulturen und sozialen Hintergründen zusammenbringt, bei denen der Alltag ja auch nicht stillsteht.

Was nehmt ihr aus dieser Projektarbeit vorrangig mit?

Riester: Auch wenn man sich hilflos fühlt, man ist es nicht. Man kann immer was tun und sollte auf andere immer wieder zugehen. Sich füreinander zu öffnen ist schwer, aber machbar.

Herrmann de Valdez: Mit einer Teilnehmerin verbindet mich der Wunsch, dass mehr Menschen einen Teil ihrer Zeit und Aufmerksamkeit anderen widmen. Und dass ein liebevollerer Umgang miteinander an erster Stelle steht. Danach kann man immer noch prüfen, ob der andere den auch wert ist.

*Aus Sicherheitsgründen wurde die vierte Geschichte temporär aus dem Schwerpunkt entfernt, Anm. d. Redaktion.

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