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Jung und für Europa

Von Tabea Schroer / 7. Oktober 2015
Tabea Schroer

Engagement für Europa ist unter jungen Menschen nicht gerade verbreitet. Daniel Cornalba von den Jeunes Socialistes jedoch brennt für die europäische Idee. Ein Porträt.

„Heute Morgen habe ich eine Mail von Genossen aus Mali bekommen. Sie würden mich gerne am Donnerstag treffen, um eine stärkere Zusammenarbeit zwischen unseren Parteien zu organisieren“, sagt Daniel Cornalba und tippt kurz mit dem rechten Zeigefinger auf den Bildschirm seines Smartphones.

Internationales, das gehört für ihn zum Alltag. Mit seinem schwarzen Rollkragenpullover und dem kurzen Bart fügt er sich mühelos in den Pariser Chic ein. Er wirkt nicht wie ein jungsozialistischer Rebell, eher wie ein angehender Diplomat. Mit 23 Jahren ist Cornalba bereits Secrétaire National à l’International et à l’Europe der Jeunes Socialistes in Frankreich und sitzt im Stadtrat einer Stadt im Département Yvelines im Westen von Paris. Zwei Jahre lang vertrat er außerdem die Jungsozialisten auf Kongressen und Zusammenkünften weltweit als Vize-Präsident der Young European Socialists (YES).

Daniel Cornalba engagiert sich für die Jeunes Socialistes. (Foto: Tabea Schroer)
Daniel Cornalba engagiert sich für Europa bei den Jeunes Socialistes. (Foto: Tabea Schroer)

Europa liegt in der Familie

Doch Europa schlägt sich nicht nur in seinen Ämtern nieder: Seine Mutter ist Deutsche, der Vater Franzose. Als jüngerer von zwei Brüdern wuchs er zweisprachig in der Nähe von Paris auf. Er absolvierte das deutsche und das französische Abitur, studierte anschließend Politikwissenschaft und Affaires Publiques in Nancy, Paris und Berlin. In den vergangenen Wochen hat er seine Prüfungen abgelegt, um in der staatlichen Verwaltung arbeiten zu können. Sein Ziel ist das Auswärtige Amt in Frankreich. Zurzeit wartet er auf die Ergebnisse.

Selbst entscheiden statt andere entscheiden zu lassen

Seine deutsch-französische Familiengeschichte führte auch dazu, dass Europa zu seinem politischen Thema wurde. Doch was treibt ihn an? Seine Motivation geht zurück zum 21. April 2002. In Frankreich sind Präsidentschaftswahlen: Lionel Jospin ist Frankreichs Premierminister und Jacques Chirac Staatspräsident. Die Umfragen sprechen dafür, dass Jospin den zweiten Wahlgang gegen Chirac gewinnen wird. Jospin wird im ersten Wahlgang allerdings nicht Zweiter, sondern Dritter. So schafft er es nicht in den zweiten Wahlgang und es kommt zu einer Stichwahl zwischen Jacques Chirac und Jean-Marie Le Pen vom Front National. An diesem Punkt wurde Cornalba klar: „Wenn du nicht entscheidest, werden andere für dich entscheiden.“

Mitentscheiden möchte Cornalba vor allem über soziale Ungleichheit und Fragen der Umverteilung. Zehn Jahre – fast die Hälfte seines bisherigen Lebens – hat er sich auf unterschiedliche Weise für die Jungsozialisten engagiert. Im Zentrum stehen für ihn dabei Fragen, die Europa betreffen: Wie kann ein Mindestlohn auf europäischer Ebene aussehen? Wie kann das Europäische Parlament gestärkt werden? Wie könnte eine alternative Flüchtlingspolitik aussehen? All dies sind Fragen, mit denen sich die YES auch in ihrem Manifest beschäftigten. Für Cornalba stehen dabei zwei Aspekte im Vordergrund: Einerseits sei die Organisation auf europäischer Ebene noch nicht sehr gut geregelt, meint er. Wenn eine gute Organisation erstmal gegeben sei, so könnten auch soziale, ökologische und demokratische Fragen besser angegangen werden. „Sozialdemokrat sein kann man nur, wenn man auch Internationalist ist“, sagt er.

Investition anstatt Defizitorientierung

Derzeit frustriert ihn die Defizitorientierung, wenn es um Europafragen geht. „Die EU wird oft als bürokratische, technokratische Instanz wahrgenommen, die die Menschen vergessen hat. Sie schaut auf Zahlen anstatt auf das alltägliche Leben der Menschen.“ Das sehe man sehr gut am Umgang mit Griechenland. Statt der Fokussierung auf Defizite brauche es eine EU der Visionen, mit neuen Zielen, die immer auch eine ökologische Komponente berücksichtigen sollten, meint Cornalba.

Er plädiert für eine Politik der Investitionen, um Arbeitsplätze etwa im ökologischen Sektor zu schaffen, die langfristig über Steuergelder die finanziellen Defizite kompensieren könnten. Er wünscht sich, dass die Sozialdemokraten in Europa die Reduktion der Arbeitslosigkeit deutlicher in den Vordergrund stellen. Dabei gehe es insbesondere um Jugendarbeitslosigkeit, denn ohne Arbeit sähen viele Jugendliche in Frankreich oder Griechenland keine Zukunftsperspektive. Da könne und sollte die EU seiner Meinung nach ansetzen.

Willy Brandt bei seiner Vereidigung im Bundestag durch den Präsidenten des Deutschen Bundestages, Kai-Uwe von Hassel, im Jahr 1969. (Foto: dpa/picture alliance)
Willy Brandt bei seiner Vereidigung im Bundestag durch den Präsidenten des Deutschen Bundestages, Kai-Uwe von Hassel, im Jahr 1969. (Foto: dpa/picture alliance)

Politik für konkrete Veränderungen im Alltag

Seinem Vorbild Willy Brandt folgend, tritt Daniel Cornalba für einen Wandel im Konkreten ein: für Veränderungen hin zu Gleichberechtigung in der Gesellschaft und einen Wandel, der Bildung, Familien und Abtreibungsrecht betrifft. Er verweist auf Brandts Rede von 1969, die auch heute noch aktuell sei: Damals wie heute seien Menschen wichtig, die kritisch mitdenken, meint Cornalba. „Veränderung in vielen alltäglichen Aspekten, das ist für mich auch Sozialismus und Sozialdemokratie“, sagt er.

Cornalba wird sich dafür am kommenden Samstag wieder einsetzen, wenn er auf einer Veranstaltung im Département Savoie über aktuelle Europafragen spricht. Wie es mit seinem Engagement weitergeht, sollte er einen Job im Auswärtigen Amt bekommen, ist noch ungewiss. Seine Stimme für Europa jedenfalls sollte nicht verstummen.

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