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Metropole im Taschenformat

Von Jonas Jordan / 11. Oktober 2015
Lea Bienhaus

Was zeichnet Brüssel abseits des Europaviertels und touristischer Hotspots aus? Drei Menschen erzählen ihre ganz persönliche Sichtweise auf die europäische Hauptstadt.

Brüssel ist jung. Der Altersdurchschnitt liege bei 34 Jahren, sagt Malte Woydt. Der gebürtige Hamburger ist Stadtführer und ehemaliger Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seit 19 Jahren lebt Woydt in Brüssel und kennt die Stadt inzwischen wie seine Westentasche.

Bei der Frage, welcher Teil der europäischen Hauptstadt für ihn am Schönsten sei, muss er nicht lange überlegen. „Hier“, sagt er und zeigt aus dem Fenster. Gegenüber liegt der Josaphatpark im Herzen des Stadtteils Schaerbeek. Seit Woydt in Brüssel lebt, wohnt er hier. „Vier Mal bin ich rund um den Park umgezogen.“ Es gebe hier zahlreiche Straßen mit hunderten von Gründerzeitvillen und individuell gestalteten Einfamilienhäusern.

In einem davon wohnt Kena Stüwe momentan. Die 20-Jährige studiert eigentlich Internationale Politik und Geschichte an der Jacobs University in Bremen. Doch im letzten Jahr ihres Bachelors wollte sie noch einmal ins Ausland. „Ich wollte einfach noch mal etwas anderes sehen.“ Brüssel sei ein Kompromiss für sie gewesen. „Ursprünglich wollte ich nach Frankreich, hatte aber sehr strikte Auflagen von meiner Uni, wo ich studieren darf.“

Kena Stüwe
Kena Stüwe studiert in Brüssel.

Jetzt sei sie „total glücklich“ mit ihrer Entscheidung. „Brüssel ist mir ganz schnell ans Herz gewachsen.“ Vor allem der jeweils eigene Charakter der 19 Stadtteile fasziniere sie. Daran könne man die Spaltung der Stadt erkennen. „Ich fahre immer mit dem Fahrrad von Schaerbeek durchs EU-Viertel nach Ixelles, wo ich studiere. Während dieser halben Stunde kann man richtig sehen, wie sich die Klamotten verändern, wie die Leute andere Sprachen sprechen und sich die Atmosphäre verändert.“ Gleichzeitig habe sie nicht das Gefühl, dass die Fronten verhärtet seien. „Man kommt überall schnell rein. Die Leute sind unfassbar nett.“

Das mag auch Farina Marx an Brüssel. Die Promotionsstipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung ist vor allem im südlichen Stadtteil Uccle mit ihrer Partnerin und ihrem 15 Monate alten Sohn unterwegs. „Ich bin dort sehr gerne, weil uns alle kennen und wir alle kennen.“ Außerdem gebe es in Uccle sehr viele Parks und eine Innenstadt mit kleinen Geschäften. Trotzdem sei das Lebensgefühl großstädtisch. „Man weiß, dass man in Brüssel ist.“

Kampf gegen bürokratische Windmühlen

In die belgische Hauptstadt kam Marx, die eigentlich aus Mühlheim an der Ruhr stammt und in Düsseldorf im Bereich Jüdische Studien promoviert, im Januar dieses Jahres. Danach musste sie erst einmal einen Kampf gegen bürokratische Windmühlen führen. „Mich hat überrascht, dass uns so viele Steine in den Weg gelegt wurden“, sagt sie.

Da ihr Status als in Deutschland promovierende Stipendiatin einer deutschen Stiftung in Belgien unklar gewesen sei, habe sich der Anmeldeprozess über ein halbes Jahr lang hingezogen. „Das war ein ganz großes bürokratisches Problem.“ Dadurch sei beispielsweise ihr gemeinsames Konto gesperrt worden. „Jetzt habe ich den Status als jemand, der genug Geld zum Leben hat.“ Sie werde als Stipendiatin ähnlich wie in Belgien wohnende Millionäre behandelt, erzählt die 29-Jährige lachend.

Mit den Millionären gemeinsam hat Marx außerdem, dass sie in einem Vorort wohnt. Denn anders als in anderen europäischen Großstädten leben in Brüssel erstaunlich viele ärmere Menschen im Stadtzentrum. Dazu erklärt Stadtführer Malte Woydt: „In Paris versteckt man die armen Leute vor den Touristen in den Vororten. In Brüssel versteckt man die reichen Leute vor den Touristen in den Vororten. Deswegen hat man als Tourist schnell den Eindruck, in einer armen Stadt zu sein, weil man um die Innenstadt herum durch die ärmsten Viertel Belgiens läuft.“ Dabei sei Brüssel nach London der zweitreichste Ballungsraum der Europäischen Union.

Brüssel ähnele der englischen Hauptstadt noch in einem weiteren Aspekt: der Mischung unterschiedlichster Kulturen im Stadtbild. „Brüssel ist eine Metropole im Taschenformat“, sagt Woydt. Die Hälfte der Bevölkerung sei ausländischer Herkunft, aber nur ein kleiner Teil seien Eurokraten, daneben ehemalige Gastarbeiter und weitere Migranten. Das sei eine ethnische Mischung, die man innerhalb Europas sonst nur in London oder Paris antreffe.

Malte Woydt
Malte Woydt ist Stadtführer in Brüssel.

Den Einfluss der sogenannten Eurokraten auf Brüssel hält der Stadtführer für überschätzt. „Die Leute, die im Europamilieu arbeiten, denken immer, sie seien wahnsinnig wichtig für die Stadt, aber das ist nicht so. Hier wohnen mehr als eine Million Menschen, die mit Europa nichts zu tun haben.“ Die Eurokraten hätten lediglich Einfluss in den Vierteln um ausländische Schulen herum. „Aber das betrifft die meisten Leute nicht.“

Viel Bier und Fritten sind kein Klischee

Es überwiege also das Belgische in Brüssel. Das sieht auch Stüwe so. Die Studentin meint: „Brüssel ist auf jeden Fall noch sehr belgisch. Es ist wirklich kein Klischee, dass hier viel Bier getrunken und Fritten gegessen werden.“ Die besten Fritten soll es übrigens am Place Jourdan bei Maison Antoinette geben. Auf dem Platz prangt bei vielen Kneipen ein großes Schild am Eingang: „Fries allowed.“

Dennoch ist die Frage, was eigentlich belgisch ist, aus Stüwes Sicht nicht so leicht zu beantworten. „Der wallonische Teil unterscheidet sich total vom flämischen. Brüssel ist ein Schnittpunkt dazwischen.“ Das fällt auch mit Blick auf die Straßenschilder direkt ins Auge. Sämtliche Straßen sind zweisprachig ausgeschildert. Auch die offizielle Werbung werde immer in zwei Sprachen ausgestrahlt.

Wen man in der Stadt kennenlerne, sei von Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich. „Es hängt ganz stark vom Ort ab, an dem man sich in Brüssel befindet. Und auch vom Alter und der Brieftasche der Leute, mit denen man redet.“ Mit Belgiern sei sie bisher aber recht wenig in Kontakt gekommen. Dennoch: „Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, sehe ich das Atomium. Mehr Brüssel geht gar nicht“, sagt Stüwe.

„Ich bin ein ganz großer Fan vom Atomium“, sagt Promotionsstipendiatin Farina Marx. „Immer wenn ich aus Mühlheim nach Brüssel komme, ist das Atomium das erste, was ich sehe, wenn ich nach Brüssel reinfahre. Egal wie schlecht das Wetter ist, das Atomium glitzert immer – das ist ganz toll.“ Doch nicht nur dieses Wahrzeichen hat es ihr angetan.

Farina Marx
Farina Marx mag das Atomium.

Sie liebe auch den Grand Place, obwohl es da sehr touristisch sei. „Seit ich vor zwölf Jahren das erste Mal hier war, ist der Grand Place ein Ort, an dem ich sehr gerne bin. Ich stehe dann einfach so da und gucke. Denn obwohl Brüssel die europäische Hauptstadt ist, habe ich selbst im Zentrum nie das Gefühl, in einer Großstadt zu sein“, sagt sie.

Stüwe schätzt dagegen die Pfade abseits des Trubels. „Es ist erstaunlich leicht, von den touristischen Wegen wegzukommen und ein Brüssel zu entdecken, das auch Leute kennen, die hier länger wohnen.“ An Brüssel mag sie vor allem die vielen Parks, in denen man fast immer ein ruhiges Plätzchen finde. „Das hätte ich so gar nicht erwartet.“

Swing Tanzen im Madame Moustache

Außerdem gebe es sehr viele Kneipen, in denen man später am Abend meistens auch tanzen könne. „Das Madame Moustache ist ein toller Ort, eine alte Swing-Bar mit großen Glühbirnen und richtigem Retro-Feeling. Ich habe zwar auch in Deutschland schon getanzt, aber Swing hab ich vorher noch nicht gemacht – das ist ziemlich cool.“

Die Stadt habe jedoch so viel zu bieten, dass Stüwe sich beinahe gar nicht traue, Dinge zu planen. „Immer wenn ich mir etwas fest vornehme, habe ich das Gefühl, ich verpasse etwas anderes. Es gibt unfassbar viel günstiges Kulturprogramm, ganz viele Festivals. Ich bin noch nie so aktiv gewesen und dabei so unorganisiert und spontan.“

Das sei laut Malte Woydt in Brüssel Programm. Der Kulturkalender der Stadt decke maximal 20 Prozent aller Veranstaltungen ab. Den Rest müsse man selbst suchen. Für ihn sei das jedoch beruflich von Vorteil. „Der Markt für Stadtführer in Brüssel ist deswegen so groß, weil die Führungen der Touristen-Information so miserabel sind.“ Er biete bei seinen Führungen immer eine bunte Mischung aus Politik, Stadtentwicklung, Wirtschaftsgeschichte und aktuellen Diskussionen und wolle mehr als die touristische Oberfläche zeigen.

Besonders angesagt seien bei Studenten gerade die Viertel rund um die Universität. Das erzählt auch Marx, die häufig auf dem Campus Etterbeek der Vrijen Universiteit Brüssel ist, um an ihrer Dissertation zu schreiben. Gerade in Etterbeek finde man als junger Mensch viele Plätze, um sich auszuprobieren. „Ich vergleich das immer so ein bisschen mit Friedrichshain oder Prenzlauer Berg in Berlin.“ Grund genug für Stüwe, mal dort hinzufahren: „Ich war bisher immer eher im Nordosten der Stadt unterwegs. Ich muss auf jeden Fall noch mal weiter in den Westen kommen und Etterbeek und Ixelles für mich entdecken.“

 

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