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contraCanceln für Anfänger

Von Alexander Kloß / 28. Juli 2022
picture alliance / CHROMORANGE | Udo Herrmann

Was genau Cancel Culture ist und wer sie betreibt, darüber herrscht wenig Einigkeit. Nur eines ist sie sicher nicht: überwunden. Ein argumentativer Annäherungsversuch eines Beinahe-Kulturpessimisten.

Im Oktober 2019 wurden in der schwedischen Hauptstadt Stockholm wie jedes Jahr die Nobelpreise vergeben. Im Bereich Literatur waren es damals zwei Auszeichnungen, da das Auswahlkomitee nach sexuellen Missbrauchsvorwürfen 2018 nicht mehr handlungsfähig gewesen war und deshalb die Entscheidung um ein Jahr vertagen musste.

Der erste Literaturnobelpreis ging an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke. Das Medienecho war enorm: Wie könne man nur einem Sympathisanten des ehemaligen jugoslawisch-serbischen Machthabers und Schlächters Slobodan Milošević solch eine Bühne bieten? Die Kampagne gegen Handke wuchs so sehr an, dass er selbst ankündigte, infolgedessen „nie wieder einem Journalisten ein Interview“ zu gestatten.

Der zweite Literaturnobelpreis ging an die Polin Olga Tokarczuk. Während ihr Werk und ihre persönlichen Beziehungen diesmal keine Streitthemen waren, gab es auch hier Kritik. Der Grund: kulturelle Aneignung. Tokarczuk Vergehen: Sie trägt als weiße Frau Dreadlocks. Vor einigen Monaten reichte diese Kombination von Hautfarbe und Frisur auch in Deutschland aus, um die Musikerin Ronja Maltzahn von einer geplanten Performance bei einem Fridays For Future-Protest in Hannover auszuladen – es sei denn, sie hätte sich vor dem Auftritt die Haare abgeschnitten.

Wer cancelt wen?

Allen Fällen gemein ist, dass sie im Zusammenhang mit dem Begriff des „Cancelns“ erwähnt werden. Die „Cancel Culture“ ist in aller Munde. Genau dort beginnt allerdings auch schon das erste Problem. Denn ein jeder spricht von dem Phänomen. Dabei herrscht kaum Einigkeit, was genau sich eigentlich hinter diesem Schlagwort verstecken soll.

Teile der politischen Rechten verorten den Akt des Cancelns als linkes Vorgehen, um unerwünschte Meinungen auszuschalten. Sie diene dem „woken Mainstream“ dazu, konservative Haltungen zu unterdrücken und würde die demokratische Teilhabe für Andersdenkende einschränken. Die Gegner:innen dieser Behauptung sehen das keineswegs so.

Für viele linksgerichtete Denker:innen gibt es eine Kultur des Tilgens, die wild um sich greift und unerwünschte Personen zum Schweigen bringen kann, nicht. Vielmehr werde „Cancel Culture“ als Kampfbegriff von Konservativen selbst genutzt, um berechtigte Kritik in gesellschaftlichen Diskussionen als eine Art Mundtotmachung zu delegitimieren. Von Cancel Culture reden somit beide Seiten, ihrer bezichtigt werden sollen aber nur die jeweils anderen.

Wenn canceln erst der Anfang ist

Besonders kontrovers wird es, wenn aus bloßer Kritik öffentlichkeitswirksame Anschuldigungen und Verurteilungen werden, ohne dass diese juristisch oder anderweitig belegt sind. Ex-US-Präsident Donald Trump, der dem Begriff „Fake News“ zu neuem und fragwürdigem Glanz verhalf, ist quasi ein Meister des Cancelns. Sobald ihm eine Person unliebsam war oder ihm die Berichterstattung über ihn nicht passte, knöpfte er sich Kontrahenten via Twitter regelmäßig vor, mit der Aufforderung an seine Anhängerschaft, Person oder Organisation zu boykottieren. Der Nachrichtensender CNN, Basketballspieler Kevin Durant, die Whiskymarke Glenfiddich und sogar das Land Mexiko mussten schon dran glauben.

Wenn man die Praxis des Cancelns genau besieht, dann ist diese Art der Diskreditierung erst die Spitze des Eisbergs. Nicht nur verbale Attacken, sondern Gewalt- und Morddrohungen sind für viele Personen des öffentlichen Lebens grausame Realität. Der menschenverachtende Höhepunkt dessen zeigt sich, wenn diese Drohungen zur existenziellen Auslöschung führen.

So geschehen im Fall des hessischen CDU-Abgeordneten und Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der 2019 aufgrund seines Engagements für Geflüchtete von einem Rechtsextremisten ermordet wurde. Innerhalb der nächsten zwölf Monate folgten antisemitisch und rassistisch motivierte Anschläge in Halle und Hanau, erneut verübt von rechtsextremen Tätern. Welch gravierendere Form des Cancelns kann es geben, als jemandem aufgrund seiner Herkunft, Religion oder Weltanschauung das Recht auf Leben zu nehmen?

Vom Establishment ausradiert

Cancel Culture lebt. Wir reden davon, tagtäglich. Sie wird von vielerlei Organisationen gern als probates Mittel benutzt, um Schuld von sich zu weisen und Reformen aufzuschieben. Cancel Culture wird immer mehr zum Selbstverteidigungsmechanismus des Establishments, resümiert die Drehbuchautorin Molly O’Gorman in ihrem Artikel in der Irish Times.

Als Paradebeispiel führt sie US-Schauspieler Will Smith an, der in Folge seiner Ohrfeige an Oscar-Host Chris Rock von der amerikanischen Filmakademie ausgeschlossen wurde. Solche Ausschlüsse, wie sie auch in den Fällen Harvey Weinstein und Roman Polanski geschahen, seien laut O’Gorman zwar konsequent und richtig, jedoch ließen sie die Academy unzulässigerweise mit weißer Weste dastehen, während Sexismus, Rassismus und Missbrauchsvorwürfe im Showbusiness weiterhin gang und gäbe seien.

Man könnte angesichts all dessen fast pessimistisch werden: Auch nach mehreren Annäherungsversuchen bleibt Cancel Culture aus meiner Sicht ein komplexes Phänomen, über das noch immer wenig Einigkeit herrscht. Die kontroverse Debatte darüber – ob aus linker, rechter oder systemischer Perspektive – beweist lediglich: Hinter uns gelassen haben wir sie noch lange nicht!



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