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proEin missverstandenes Phänomen

Von Lucca Pizzato / 28. Juli 2022
picture alliance / Bildagentur-online/DP

Eine flackernde Nebelkerze erstrahlt in der deutschen Öffentlichkeit. Sie lässt uns im Diskurs um Meinungsfreiheit verunsichert umherirren. Dabei sind wir auf einem guten Weg, diese zu überwinden.

An der Humboldt-Universität (HU) in Berlin wird ein trans*- und inter*feindlicher Vortrag abgesagt, in Würzburg ein sexistischer Schlagerhit verboten. Die Empörung ist groß, der Aufschrei laut. „Verbote, Zensur, Meinungsdiktatur!“ „Die Redefreiheit in Deutschland ist in Gefahr!“

Es gibt sie also noch: Rufe darüber, dass Cancel Culture in Deutschland vorherrsche, sobald moralische Fehltritte öffentlichen Gegenwind bekommen und gegen Einzelpersonen oder Institutionen protestiert wird.

Cui bono?

Salonfähig wurde der Begriff im Jahr 2020 durch kämpferische Stimmen eines Donald Trumps wie auch der Alternative für Deutschland (AfD), die keine Möglichkeit ausließen, das vermeintliche Unheil „beim Namen zu nennen“. Neben die Political Correctness gesellte sich Cancel Culture als politischer Kampfbegriff von rechter und konservativer Seite. In den traditionellen Massenmedien erlebte er schnell Hochkonjunktur.

Obwohl damit zunächst negative Auswirkungen verbunden werden, durften Personen wie Dieter Nuhr, Luke Mockridge oder Boris Palmer dagegen erfahren, wozu diese Cancel Culture “made in Germany“ auch führen kann: über 200.000 Klicks auf Youtube (Nuhr), eine weitestgehend ausverkaufte Comeback Show (Mockridge) und massenhaft Auftritte bei Markus Lanz (Palmer).

Schlagseite zu spüren bekam auch die Biologie-Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht. Zumindest kurzzeitig: Ihren wegen zahlreicher Proteste spontan abgesagten Vortrag an der HU im Juli durfte sie nicht nur zeitnah nachholen. Der auf Video aufgenommene Vortrag zählte bald mehr als 130.000 Klicks auf Youtube. In den Universitätssaal wären nicht annähernd so viele Interessierte gekommen. Zusätzlich spielte ihr eine Crowdfunding-Seite, auf der sich die 32-Jährige als Opfer einer Rufmordkampagne inszeniert, über 15.000 Euro ein. Cancel Culture als Maulkorb? Wohl eher Megafon.

Sobald angeblich gecancelt wird, kreisen die Twitterianer*innen, die Anti-Woken und leider eben auch etablierte Medien um das Buzzword wie Bienen um die letzten Urban Gardening-Projekte in Berlin. Warum überhaupt anfangs protestiert wurde, davon will später niemand mehr etwas wissen.

Betrachten wir die Causa Joanne K. Rowling: Milliardenschwere Autorin wirbt für einen Onlineshop mit klarer trans*feindlicher Haltung und pathologisiert in ihrem Buch “Troubled Blood“ trans*Personen als potenzielle Mörder*innen. Statt sich öffentlich mit den Vorwürfen der Trans*feindlichkeit auseinanderzusetzen, dreht(e) sich der Diskurs darum, inwieweit Rowling selbst durch den Widerspruch boykottiert würde.

Wer war jetzt nochmal Opfer und wer Täterin? In der Argumentationstheorie wird dieser Mechanismus als „derailing“ (deutsch: entgleisen) bezeichnet. Die Diskussion wird thematisch auf ein anderes Gleis gelenkt: Die Meinungsfreiheit (von Rowling) sei in Gefahr, nicht das Leben von trans*Personen. Nicht Cancel Culture herrscht hier vor. Vielmehr erhalten fragwürdige und diskriminierende Meinungen und Thesen jede Menge Aufmerksamkeit. Zum Schweigen gebracht wird hier niemand.

Systematische Cancel Culture

Wir dürfen keine Diskussionsdynamik zulassen, die den systematischen Ausschluss diskriminierter Teile der Gesellschaft aus der Öffentlichkeit anstrebt. Doch diese Schieflage beginnt sich zu wandeln – wenn auch langsam.

Cancel Culture at it’s best demonstrierte das Talkformat “Die letzte Instanz“ des Westdeutschen Rundfunks (WDR), das am 29. Januar 2021 (wiederholt) ausgestrahlt wurde. Vier weiße, gutsituierte Gäst*innen, oder um es frei nach Ferda Ataman zu sagen, vier „deutsche Kartoffeln“ diskutierten die Frage nach der Umbenennung einer beliebten Paprikasoße – eine Angelegenheit, die selbstredend zunächst Sinti*zze und Romn*ja betrifft. Doch eine*n Vertreter*in dieser Gruppe einzuladen, erschien offenbar nicht notwendig.

Kurz darauf gab es einen öffentlichen Aufruhr und hagelte Kritik. (Alles andere wäre auch ein Armutszeugnis für eine dem Selbstverständnis nach plural denkende Gesellschaft gewesen.) Eine (wenn auch späte) Entschuldigung des WDR inklusive Aufarbeitungssendung folgte auf den Backlash. Den angemessenen Umgang lebte jedoch die Moderatorin und Komikerin Enissa Amani vor und initiierte auf ihrem Youtube-Kanal kurzerhand eine Sendung mit dem genial sarkastischen Titel “Die Beste Instanz“, in der Repräsentant*innen verschiedener marginalisierter Gruppen auf die WDR-Sendung reagierten.

Zum Glück und auch dank der sozialen Medien wird der ungeheuerliche, unzulässige Umgang mit vielfach unbeachteten Positionen nicht mehr widerspruchslos hingenommen: Es sind Formate wie die Gesprächsrunde “Karakaya Talks“ auf Youtube oder der Podcast “Kanackische Welle“, die Plattformen bieten für diverse Perspektiven, die Maischberger, Will und die etablierte Talkshow-Entourage eben vermissen lässt. Statt einer Verengung des Sagbaren, wurden zusätzliche Stühle und Tische an die Bierbankgarnitur der öffentlichen Diskussionskultur gestellt. Wenn sich Stammgäste davon bedroht fühlen, dann nicht, weil sie von ihren Plätzen geschubst werden, sondern weil ihnen nicht gefällt, wer neuerdings neben ihnen Platz genommen hat.



3 Antworten auf „Ein missverstandenes Phänomen“

  1. Von TheEgalitarian am 2. August 2022

    Zu erst ein Mal, durch das Gendern ist der Artikel vollkommen unleserlich. Es ist schwer am Ball zu bleiben, durch die ständigen Unterbrechungen. Es hat schon seinen Grund, warum Sprachwissenschaftler das Gendern so vehement als ideologisch ablehnen.

    Daneben ist wieder klar der bias erkennbar. Alles kommt von Rechts, die Kritik passt nicht, es gibt in Wahrheit keine Cancel Culture und überhaupt, wer sich beschwert ist sowieso nur Rassist und dass man jetzt mehr „andere“ Meinungen sieht und weniger von den anderen ist ein Beweis für Pluralismus. Nur stimmt das eben nicht. Man betreibt die Cancel Culture selber, bezeichnet die anderen als Kartoffeln, diskriminiert sie wegen ihrer Hautfarbe, unterstellt ihnen mangelnde Moral. Man siebt die Gesellschaft nach Gut und Böse aus, böse sind alle die nicht der eigenen, extremistischen Ideologie anhängen, die durch eben das Genannte gekennzeichnet ist. Identität ist wichtig. Bist du männlich oder weiblich? Bist du „cis“ oder bist du was besonderes? Bist du schwarz oder bist du weiß? Und je nach dem was man ist, ist man dann höherwertiger oder minderwertiger. Sagt mal jemand, den man eigentlich höherwertiger einstuft was falsches, wird es relativiert oder direkt ignoriert. Wichtig ist die Ideologie.

    Und das merken die Menschen. Noch nie hatten soviele Menschen das Gefühl, nicht mehr frei ihre Meinung äußern zu dürfen. Natürlich nicht, wenn die Gesellschaft statt egalitärer sich ins Gegenteil verkehrt, man Begriffe wie Rassismus umdefiniert bzw. nur noch eine Form davon als Rassismus anerkennt und das als Basis dafürt nimmt, selbst diskriminieren zu dürfen. Wenn Menschen offen dafür diskriminiert werden, was für Haare sie tragen oder wenn man Lieder verbietet, weil sie angeblich diskriminieren, obwohl es glatt gelogen ist aber man mag es halt nicht also muss es weg.

    Es sind ziemlich beunruhigende Zeiten und traurige Zeiten, denn für eine kurze Zeit war man der egalitären Gesellschaft unfassbar nahe gewesen aber jetzt wirkt sie weit weg.

    1. Von Sagwas-Redaktion am 3. August 2022

      Danke für den ausführlichen Kommentar! Bleibt zu fragen: Wann ist man „denn für eine kurze Zeit der egalitären Gesellschaft unfassbar nahe gewesen“?

      1. Von TheEgalitarian am 3. August 2022

        Ein genaues Datum lässt sich dafür nicht fassen, auch wenn 2017 definitiv ein Meilenstein war als endlich die Ehe für alle geöffnet wurde aber gesellschaftliche Prozesse sind komplex, entsprechend wäre es wohl sinnvoller eher grob zehn Jahre in etwa bis dorthin anzusetzen. Eine Zeit in der man auf der einen Seite Fortschritte gemacht hat, wie eben in Bezug auf der Gleichbehandlung für Homosexuelle aber eben auch gesehen hat, wie sich Widerstand gegen eine egalitäre Gesellschaft formiert, in Form einer neuen identitären Bewegung.

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