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proDie neue Einsamkeit

Von David Sahay / 15. Januar 2016
Credits: J P /flickr: "Common Pipistrelle (Pipistrellus pipistrellus)"; Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Wir sind flexibel, einzigartig und unabhängig – mehr als je zuvor. Ein schönes Leben. Aber darüber haben wir vergessen, was unsere Gesellschaft auszeichnet.

Gemeinschaft bedeutet für mich vor allem, füreinander da zu sein. Vielleicht auch – oder gerade dann – wenn es für jemanden mal nicht so gut läuft. Genau diese Gemeinschaft geben wir gerade auf.

Wir sind weniger solidarisch, weil es nicht mehr zwingend nötig ist. Früher stellte die Familie die soziale Sicherung dar. Die Alten arbeiteten, damit es die Jungen „einmal besser haben“. Die Jungen pflegten im Gegenzug die Alten, wenn das nötig wurde. Durch einen starken Sozialstaat, der diese Aufgaben verwaltend übernimmt, wurde dieser ungeschriebene Generationenvertrag vor langer Zeit aufgeweicht. Die Gemeinschaft innerhalb von Familien löst sich seitdem langsam auf. Das hat Auswirkungen auf unser Verständnis von Gemeinschaft.

Weil es uns besser geht

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich gerade in Indien beobachten. Die größte Demokratie der Welt steht am Wendepunkt. Traditionell gibt es keinen Sozialstaat, sondern Großfamilien, in denen die entferntesten Verwandten noch füreinander sorgen. Doch das Land entdeckt gerade den Kapitalismus. Junge Familien wirtschaften für ihr eigenes Glück und vergessen darüber ihre alten Werte. Wir leben weniger gemeinschaftlich, weil es uns wirtschaftlich besser geht als früher.

Durch den Sozialstaat sind wir in Deutschland im Vergleich zu Indien einen Schritt weiter. Das heißt aber auch: Junge Menschen halten sich alle Optionen offen, bleiben unermesslich flexibel, um irgendwann dort konkret zu werden, wo es ihnen am meisten nützt. Das ist das zentrale Ergebnis einer Studie des Heidelberger Sinus-Instituts im Auftrag des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend und des Entwicklungshilfswerks Misereor.

Weil wir auf Facebook sind

Es war schon immer anstrengend, für andere da zu sein. Die Selbstlosigkeit ist zwar evolutionär in uns angelegt: Langfristig bekommt man etwas zurück, eine Hand wäscht die andere, gemeinsam kommt man voran. Aber wir sind egoistischer geworden.

Vielleicht nicht einmal, weil wir schlechtere Menschen geworden sind, sondern weil wir Wert darauf legen, uns selbst zu verwirklichen. Wir wollen feiern, lesen, reisen, wir fordern Sinn in der eigenen Arbeit. Dabei wollen wir auch noch erfolgreich sein – ein ganz klassischer Grund für Egoismus. Wie soll man da an andere denken?

Dabei bedeutet Gemeinschaft auch Verbundenheit und Freundschaft. Doch die spielt sich heutzutage häufig in den Sozialen Medien und Netzwerken wie Facebook, Twitter oder YouTube ab.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 hat ein Facebook-Nutzer durchschnittlich 342 Facebook-Freunde. Man muss kein Soziologe sein, um zu ahnen, dass diese Zahl für Quantität steht, nicht für Qualität. „Die sozialen Netzwerke drohen uns ironischerweise von unserem sozialen Leben abzuschneiden“, bringt es der Kommunikationsexperte Robert Spengler gegenüber der Welt auf den Punkt. Mit anderen Worten: Es ist eine sehr oberflächliche Gemeinschaft, in die wir da geraten sind.

Weil wir hip sind

Gemeinschaft bedeutet auch schlicht, dass man etwas gemeinsam hat. Ein Gefühl von Zusammenhalt, gemeinsame Werte. Das jedoch gilt als uncool, wir sind viel lieber schrecklich individuell. Und es ist ja auch ein schönes Gefühl, einzigartig zu sein. Aber am Ende steht unsere individuelle Freiheit der sozialen Gemeinschaft gegenüber.

So ist jeder für sich erfolgreich, unabhängig und einzigartig und sitzt, wie alle anderen, mit einer Mate vor dem Laptop und scrollt auf Facebook durch fremde Profile. Manch einer stellt vielleicht fest: Ohne eine belastbare Gemeinschaft fühlt sich die Welt unübersichtlich an.

Ich denke dann an Fledermäuse. Der Biologe Gerald Wilkinson fand heraus, dass alte, erfahrene Vampirfledermäuse jede zehnte Nacht auf Jagd leer ausgehen, junge hingegen jede zweite. Nach zwei Nächten ohne Beute wird es bereits lebensgefährlich. Die Säugetiere saugen deshalb stets mehr Blut als nötig und würgen den Überschuss aus, wenn ein Artgenosse das Blut nötig hat. Das ist gruselig, aber auch ein schönes Beispiel dafür, dass Gemeinschaft natürlich ist. Ein schönes Gefühl. Und eine absurde Eselsbrücke, um die Gemeinschaft nicht zu vergessen.

 

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Debatte | Alles nur Egoisten?

Contra | Das Gute in uns

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