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contraDer ewige Traum

Von Jacqueline Möller / 19. Februar 2016
Credits: Jonny Hughes/ flickr; Lizenz CC BY-NC 2.0

Utopien beschäftigen seit Jahrhunderten Menschen in aller Welt. Eines haben diese Menschen gemeinsam: Ihre Träume sind Träume geblieben.

Eine Utopie, der „Nicht-Ort“, ist ein auf die Zukunft gerichtetes Wunschbild einer fortschrittlichen Gesellschaft. Sie bewegt die Menschheit immer wieder. Doch hat sich in der Historie stets gezeigt: Realität und Utopie sind zwei unvereinbare Welten.

1917 sollte die Idee einer „utopischen Gesellschaftsordnung“ zum ersten Mal in Form des kommunistischen Regimes unter Lenin dem Praxistest unterzogen werden. Statt dem in Morus‘ Utopie-Roman beschriebenen Gesellschaftszustand, bei dem das höchste Ziel das Glück des Menschen sein sollte, führte die angestrebte Utopie in der Realität zu einer Schreckensdiktatur, welche Millionen von Menschen das Leben kostete.

Dabei wurde das Schicksal des Einzelnen der Idee einer planbaren gesellschaftlichen Ordnung unterworfen. Diese führte dazu, dass Menschen zu bloßen Objekten herabgestuft wurden. Die Ursprungsidee von Morus war gänzlich aushebelt.

Die Zerreißprobe zwischen Utopie und Wirklichkeit

Seitdem haben sich zahlreiche Denker daran versucht, das Modell einer utopischen Gesellschaft in die Realität umzusetzen. Der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King konnte als einer der Wenigen seinen Traum zumindest teilweise verwirklichen. King appellierte in seiner Rede „I have a dream“ 1963 an die Gleichbehandlung von Farbigen und Weißen und forderte dazu auf, die Rassentrennung abzuschaffen.

Ein Jahr später sollte dieser Traum Wirklichkeit werden. Der damalige Präsident Lyndon B. Johnson unterzeichnete das amerikanische Bürgerrechtsgesetz und schaffte damit die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten ab.

Doch was in der Theorie funktionieren sollte, sah in der Realität anders aus: Nur fünf Jahre nach seiner historischen Rede wurde King von einem Rassisten in Memphis ermordet. Letztendlich fiel damit auch einer der größten Verfechter der Utopie zum Opfer, einer bestürzenden Realität.

Träumer bleiben Träumer

Was regt uns immer wieder dazu an, einem schier unerfüllbaren Ideal hinterherzulaufen, welches wir schlussendlich nie zu fassen bekommen? Es ist die Hoffnung. Die Hoffnung auf positive Veränderung, auf das Unmögliche, welches uns alle magisch in seinen Bann zieht und welches wir zu verstehen nicht in der Lage sind.

Das Greifen nach dem Hoffnungsschimmer trotz teilweise jeglicher Rationalität. Diese Haltung birgt die Gefahr, den Bezug zur Realität zu verlieren. Traum und Realität sind zwei verschiedene Welten. Anders als Oscar Wilde in seinem Essay The Critic as Artist den Träumer als jemanden bezeichnete, „der seinen Weg im Mondlicht findet und die Morgendämmerung vor dem Rest der Welt sieht“, ist die Wirklichkeit oft eine andere.

Utopie als Motor für Entwicklung?

Das wohl häufigste Argument derer, die an einer Utopie festhalten, nämlich, dass ohne Utopie kein Fortschritt mehr möglich sei, ist mit Vorsicht zu genießen. Einer seiner wohl wichtigsten Verfechter ist der Soziologe Jürgen Habermas, der zu den meistrezipierten Soziologen und Philosophen der Gegenwart gehört.

Habermas warnte einst: „Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalitäten der Ratlosigkeit aus.“ Doch anders als Oasen in Wüstengebieten, in denen durch Wasservorkommen Pflanzen gedeihen können, sind die Gegebenheiten in der Wirklichkeit weniger ertragreich. So ist es nie gelungen, aus Utopien Kraft für Neues und Besseres in einem solchen Umfang zu schöpfen, wie wir uns dies ausgemalt haben. Würden wir uns unrealisierbare persönliche Ziele setzen, würde das schnell in Frustration umschlagen. Warum meinen wir dann, es sei entwicklungsförderlich, eine solche Denkweise in noch größeren Sphären an den Tag zu legen?

Die ewige Verführung

Die Utopie scheitert bereits an ihrem Kern, dem zügellosen Optimismus, welcher wenig bis nichts mit tatsächlichen Gegebenheiten zu tun hat. Das Streben nach Perfektion bedeutet Lähmung. Das wusste bereits der britische Staatsmann und Literaturnobelpreisträger Winston Churchill.

Die Utopie bleibt ein ewiges Versprechen, das gleichsam verführerisch wie verhängnisvoll ist. Es verschleiert den Blick des Betrachters durch einen Schimmer der Hoffnung, welcher ihm einen Weg weist, der häufig zum Scheitern verurteilt ist.

Das bedeutet nicht, dass rein rationales Denken die Lösung ist, doch ein naiver Optimismus ist es auch nicht. Vielmehr ist ein Mittelweg notwendig. Es gilt, sich vor Idealen genauso zu hüten wie vor Perfektionismus und anderen Extremen. Diese haben noch nie zum Erfolg geführt, sei es unter der kommunistischen Herrschaft unter Stalin oder der nationalsozialistischen unter Hitler. Utopie ist auch ein Extrem, nämlich das extreme Streben nach einer Idylle der Perfektion, welche die Augen vor der Wirklichkeit verschließt.

 

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Debatte | Brauchen wir Utopien?

Pro | Immer ein bisschen besser 

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