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proImmer ein bisschen besser

Von Marlene Thiele / 19. Februar 2016
Credits: Jonny Hughes/ flickr; Lizenz CC BY-NC 2.0

Solange die Welt nicht perfekt ist, lohnt es sich, an Utopien festzuhalten. Auch wenn der Idealzustand vielleicht nie erreicht werden kann, ist jeder Vorstoß zu einer besseren Welt ein Schritt in die richtige Richtung.

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Das ist ein geflügeltes Wort für Revolutionäre, dem man verschiedene Urheber nachsagt. War es Antoine de Saint-Exupéry, dessen Buch Der kleine Prinz als Kritik an der Konsumgesellschaft gesehen werden kann, welche die zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Werte verdrängt? Oder sagte das einst Schriftsteller Berthold Brecht, der den Krieg verabscheute, sich gegen das gesellschaftliche System stellte und von einer marxistischen Gesellschaft träumte?

Das Zitat wird auch Rosa Luxemburg zugeschrieben, der Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung, die sich für politische Freiheit und soziale Gleichheit einsetzte. Vielleicht stammt es aber auch von Che Guevara, der noch heute als Befreier Kubas und Held der Widerständler gefeiert wird.

Konkrete Utopie als realisierbare Gesellschaftsveränderung

Egal wer diese Worte als erstes gesagt oder geschrieben hat – alle vier potentiellen Urheber haben für eine bessere Gesellschaft gekämpft, obwohl diese nicht realisierbar erschien. Das nennt sich Utopie – ein Idealzustand, der nie erreicht werden kann.

Karl Marx kritisierte utopische gesellschaftliche Neuordnungen als zu abstrakt: Man solle die Welt nicht auf den Kopf stellen, sondern ihr auf ihre Füße verhelfen. Der Philosoph Ernst Bloch entwickelte daraus den Begriff der „Konkreten Utopie“ für eine wünschenswerte und mögliche Gesellschaftsveränderung. Eine solche eben, an die auch die vier Zitatgeber glaubten. Jede nachfolgende Generation sollte es ihnen gleichtun.

Früher erschien auch Sklaverei unvermeidlich

Es gibt in unserer heutigen Welt einige problematische Zustände, die viele für alternativlos halten: Man könne doch gar nicht anders, als Grenzen zu sichern, damit Menschen aus ärmeren Erdteilen nicht zuwanderten. Die Fleischindustrie sei zwar ziemlich umweltschädlich und pure Tierquälerei, aber man habe sich eben an den Kilopreis von 1,99 Euro für das Rinderhack gewöhnt.

Einst erschien es in den USA selbstverständlich, dass Schwarzafrikaner als Sklaven arbeiten mussten. In Europa war es völlig normal, dass sich Generationen in Fabriken und Stollen abarbeiteten, damit ein geringer Teil der Bevölkerung sich ein gutes Leben machen konnte.

Dass uns das heute als vorzeitig erscheint, liegt an Utopisten, die an andere Wege glaubten. Die ersten von ihnen stießen noch auf geballten und häufig gewalttätigen Widerstand, mit der Zeit aber setzte sich eine Revolution in Gange.

Scheinbar Unerreichbares wurde kleinschrittig zum Gesetz

Der Arabische Frühling wirkt noch nach, doch auch in der westlichen Welt ist die jüngste Protestbewegung noch gar nicht so lange her: Seit den 1950er Jahren haben Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen für den sorgsamen Umgang mit der Umwelt, für die Gleichberechtigung der Geschlechter und Ethnien, für freie Liebe und den Weltfrieden demonstriert. Manchen trugen Schilder, andere begaben sich in ernste Gefahr, wenn sie die von ihnen verhassten konservativen Gesetze missachteten. Vieles, was damals unerreichbar erschien, ist in kleinen Schritten zum neuen Gesetz geworden: Die Staaten vereinbaren Umweltziele, Frauen stehen Männern gleichberechtigt gegenüber, Bürgerrechte hängen nicht mehr von der Hautfarbe ab und Homosexualität ist kein Verbrechen mehr – zumindest punktuell und theoretisch. Durchgesetzt hat sich vieles noch lange nicht, nicht in Europa oder den USA und erst recht nicht in Afrika, Asien oder den arabischen Ländern.

Das ewige Ziel

Solange die Welt noch nicht perfekt ist, lohnt es sich, sie zu verbessern. Die ersten Schritte hin zur erhofften Veränderung sind zwar klein und die Pioniere werden meist als Spinner abgetan. Langfristig werden aber auch die marginalen Erfolge die Gesellschaft voranbringen.

Wenn wir weiterhin versuchen, die zeitgenössischen Utopien umzusetzen, gibt es sie vielleicht irgendwann in der Realität, die Welt ohne Krieg und Klimawandel, in der jeder Mitspracherecht hat und sich selbst verwirklichen kann. Schon Oscar Wilde schrieb 1891: „Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keine Beachtung, denn sie lässt die Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird.“

Lies weiter bei…

Debatte | Brauchen wir Utopien?

Contra | Der ewige Traum

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