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contraVereinssport sollte vereinen!

Von Christina Mikalo / 31. Juli 2018
Photo by Jeffrey Lin on Unsplash

Arme Kinder können sich die Mitgliedschaft in einem Sportverein kaum leisten. Der Staat könnte ihnen finanziell deutlich mehr unter die Arme greifen. Damit würde er nicht nur den Kindern, sondern auch sich selbst helfen.

Mit 14 wollte ich einem örtlichen Fußballverein beitreten. Die Trainerin drückte mir damals eine Eintrittserklärung in die Hand. Darin stand, dass die Mitgliedschaft monatlich 14 Euro kostet.

Geht ja, dachte ich zufrieden und zeigte den Zettel meiner Mutter. Die rechnete mir stirnrunzelnd vor: „Das macht dann 14 Euro plus 20 Euro Eintrittsgebühr. Außerdem brauchst du Hallen- und Stollenschuhe, ein Kompressionsshirt, Leggings und Schienbeinschoner. Unter 120 Euro wird das schwer zu besorgen sein. Unternimmt der Verein Trainingsfahrten? Dann kommen noch Verpflegung und Unterkunft dazu – 100 Euro werden es bestimmt.“

Ich war schockiert. Zum Glück hat sie mir die Mitgliedschaft im Fußballverein trotzdem ermöglicht. Andernfalls wäre es mir so ergangen wie zahlreichen anderen Kindern, die in Deutschland vom Vereinssport ausgeschlossen sind.

Laut einer Studie des Zentrums für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) an der Universität Bochum sind zwischen 2010 und 2013 nur 46 Prozent der armutsgefährdeten Kinder vor ihrer Einschulung in einem Sportverein aktiv gewesen. Unter den nicht armutsgefährdeten Gleichaltrigen waren es 77 Prozent!

Die Studie bezieht sich auf rund 5000 Schulanfänger der Region Mülheim an der Ruhr, spiegelt aber eine generelle soziale Spaltung wider: Sport treibt in Deutschland eher der Nachwuchs der mittel bis gut verdienenden Gesellschaftsschicht; die Armen bleiben auf der Strecke. Das muss sich ändern – mit staatlicher Unterstützung. Zwar gibt es bereits ein Förderangebot für Kinder und Jugendliche. Zahlen zeigen jedoch, dass dieses in der jetzigen Ausgestaltung so gut wie nichts bewirkt.

Gut gemeinter Humbug

Theoretisch haben Kinder, deren Eltern Sozialleistungen beziehen, seit 2011 Anspruch auf finanzielle Unterstützung, wenn sie in Vereinen aktiv werden wollen. Das garantiert das sogenannte Bildungspaket. Doch die gut gemeinte Idee ist in der Umsetzung ziemlicher Humbug: Gerade einmal zehn Euro macht der Staat für Kultur-, Sport- und Mitmachangebote pro Monat locker, verlangt dafür aber, dass die Antragssteller sich mit einem hohen bürokratischen Aufwand herumschlagen.

Das hat – Überraschung! – zur Folge, dass kaum jemand das Paket nutzt. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit nehmen es weniger als zehn Prozent der einkommensschwachen Familien in Anspruch. Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtverbandes, kritisiert das Bildungspaket daher im Deutschlandfunk: „Es kommt nicht an, es erreicht die Kinder nicht, und selbst wenn es sie erreicht, dann sind die Effekte so gering, dass man wirklich nur von einem Flop reden kann.“

Um den Zugang zum Vereinssport effektiv zu fördern, sollte der Staat bürokratische Hürden senken und höhere Geldsummen verteilen. Damit täte er armen Kindern und sich selbst einen Gefallen. Eine Studie der MedUni Wien und der Österreichischen Bundes-Sportorganisation hat gezeigt, dass es für die Kindesentwicklung vorteilhafter ist, Sport im Verein als allein zu treiben: Vereinssport gliedert in die Gesellschaft ein, fördert das Selbstvertrauen, die Zufriedenheit und den sozialen Zusammenhalt.

Weiterer Pluspunkt: Die Mitgliedschaft im Sportverein kann dabei helfen, schulische Leistungen zu steigern. Kinder, die sich regelmäßig in der Gemeinschaft eines Vereins bewegen, verbessern ihre Körperkoordination und Visuomotorik, also die Koordination von visueller Wahrnehmung und Bewegung und es fällt ihnen meist leichter, sich in der Schule zu konzentrieren. Damit haben unsportliche und arme Gleichaltrige sowieso oft Probleme.

Der Staat sollte deshalb endlich mehr Verantwortung übernehmen und Mädchen und Jungen aus einkommensschwachen Familien den Zugang zum Vereinssport deutlich erleichtern. Damit würde er nicht nur zu mehr Chancengleichheit verhelfen, sondern könnte womöglich auch Kosten für Gesundheitsmaßnahmen einsparen, auf die unsportliche Menschen tendenziell eher angewiesen sind als sportliche. So würde der Staat zumindest signalisieren, dass ihm die Gesundheit und die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten seiner Bürger wichtig sind, und an Glaubwürdigkeit gewinnen.

Vereine sind keine Wohlfahrtsverbände

Sicher: Es gibt bereits Möglichkeiten, wie Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien auch ohne staatliche Hilfe sportlich aktiv werden können. Vereine wie Sport für alle übernehmen zum Teil Mitgliedsbeiträge, Kosten für Trainingslager und Wettkämpfe. Wie die Sportjugend Hessen im Landessportbund Hessen e.V. schreibt, überschreiten die Kosten dieser Maßnahmen jedoch häufig die finanziellen Belastbarkeiten der Vereine.

Mit Ermäßigungen der Mitgliedschaftsbeträge, Zuschüssen für Ausrüstung und Trainingsfahrten sollte der Staat für Entlastung sorgen. So könnten die Vereine sich wieder mehr auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren: vielfältige Sportangebote schaffen, an denen Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft partizipieren können.

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