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proOhne zusätzliche Asche auf den Ascheplatz!

Von Barbara Engels / 31. Juli 2018
Photo by jesse orrico on Unsplash

Wer in Deutschland im Verein Sport treiben möchte, der kann das auch. Die Mitgliedsbeiträge sind gering und Unterstützung gibt es von vielen Stellen. Deshalb ist es unnötig, dass der Staat zusätzliches Geld für den Zugang zu Sportvereinen bereitstellt.

Sport kostet in Deutschland fast nichts. Nicht nur ist es kostenlos, sich auf dem Ascheplatz des Dorfes die Knie aufzuschürfen, an der Tischtennisplatte auf dem Spielplatz ums Eck bis zum Sonnenuntergang Rundlauf zu spielen oder um den Block zu joggen bis die Beine brennen. Auch eine Vereinsmitgliedschaft kostet so wenig, dass ein weiterer staatlicher Zuschuss für finanziell schlechtgestellte Familien nicht erforderlich ist.

Einen Monat Sport oder eine Packung Capri-Sonne

Das Angebot ist groß und günstig: Die Hälfte der rund 90.000 Sportvereine in Deutschland verlangte im Jahre 2015 laut Deutschem Olympischen Sportbund einen monatlichen Beitrag von bis zu 2,50 Euro für Kinder und von bis zu 3 Euro für Jugendliche. Soviel bzw. wenig wie für eine Packung Capri-Sonne fällig ist.

Wie ist es möglich, dass eine Mitgliedschaft so preiswert ist? Zum einen: Sportvereine leben durch Ehrenamt. Knapp 15 Millionen Deutsche waren laut dem Institut für Demoskopie (IfD) Allensbach im Jahre 2017 ehrenamtlich tätig, das Gros von ihnen in einem Sportverein. Keiner meiner ehemaligen Basketballtrainerinnen und –trainer hat sich in den langen Jahren meiner Vereinszugehörigkeit von meinen mickrigen Jahresbeiträgen die Taschen gefüllt. Den Betrag, der für eine monatliche Abrechnung zu gering war, habe ich – überspitzt gesagt – nach den Trainingseinheiten „verduscht“.

Zum anderen erhalten Sportvereine Zuschüsse von staatlicher Seite, etwa von den Landessportbünden. Der Landessportbund NRW beispielsweise fördert die Stadt- und Kreissportbünde und Sportverbände ebenso wie auch die Vereine in NRW, um den organisierten Sport zu sichern. In der Legislaturperiode von 2018 bis 2022 stehen dafür jährlich 42,2 Millionen Euro zur Verfügung, also 7,8 Millionen Euro pro Jahr mehr als in der vergangenen Legislaturperiode.

Darüber hinaus haben Vereine die Möglichkeit, im Rahmen der Sportstättenförderung Fördergelder zu beantragen, zum Beispiel wenn sie einen Kunstrasen verlegen oder Flutlicht installieren wollen. Unterschiedliche Institutionen gewährleisten so die bunte deutsche Vereinsportlandschaft und ermöglichen es den Vereinen, dass ihre Mitglieder nur minimale Pro-forma-Beiträge entrichten müssen.

10 Euro pro Monat vom Staat

Wer dennoch die Mitgliedsbeiträge nicht zahlen kann, hat die Möglichkeit, am Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes zu partizipieren. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die Arbeitslosengeld II, Sozialgeld oder Sozialhilfe erhalten oder deren Eltern den Kinderzuschlag oder Wohngeld beziehen, haben grundsätzlich einen Rechtsanspruch auf diese Leistungen. Monatlich können sie bis zu 10 Euro für die Mitgliedschaft in einem Sportverein ausgeben. Das reicht für die allermeisten Vereine locker aus.

Zugegeben: Nur in Ausnahmefällen kann dieser Zuschuss für die Anschaffung von Sportausrüstung genutzt werden. Und die ist das größere Problem für Familien mit leerer Brieftasche. Neben dem Mitgliedsbeitrag müssen Sportler häufig für den Kauf von Kleidung, Schuhen sowie Materialen wie Schläger und Bälle Geld ausgeben. und auch die Fahrten zum Training oder zu Wettkämpfen schlagen zu Buche. Dass diese Fahrten mitunter sogar der größte Kostenpunkt sind, zeigt eine Studie der Universität Mainz. Hier hilft das Teilhabepaket wenig und auch im Sozialgeldbezug sind dafür kaum Gelder vorgesehen.

Aber auch dieses Manko wird in Deutschland durch zahlreiche Auffangnetze abgefedert: Die Sportjugend Hessen beispielsweise unterhält seit 2011 ihr Förderprogramm „Sport für alle Kinder“, um Sportvereine darin zu unterstützen, von Armut betroffenen Kindern die Teilhabe am Vereinssport zu ermöglichen. Allein von 2011 bis 2014 flossen daraus 80.000 Euro an die Vereine.

Strategie gegen Armut statt Ergebniskosmetik

Finanzielle Unterstützung für benachteiligte Kinder, die im Verein Sport treiben wollen, gibt es also von vielen Stellen. Tatsächlich sind sehr viele Kinder in Sportvereinen registriert: Im Jahr 2017 waren starke 81 Prozent der Jungen zwischen sieben und 14 Jahren Mitglied in einem Sportverein. Bei den Mädchen waren es allerdings nur 61 Prozent. Wer noch mehr Geld vom Staat verlangt und meint, auf diese Weise die restlichen Kinder in die Sportvereine zu locken, verkennt das eigentliche Problem.

Dieses liegt darin, dass Eltern aus ärmeren und bildungsferneren Schichten seltener ein Bewusstsein davon haben, wie wichtig Sport, zumal in einem Verein, für die Gesundheit, Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe ihrer Kinder ist. Hier könnten breit angelegte Informationskampagnen helfen. Noch grundsätzlicher aber bedarf es einer Strategie, die auf den Abbau von Armut zielt, um ihren Teufelskreis zu durchbrechen.

Denn Tatsache ist: Kinder aus armen Familien sind deutlich häufiger krank als ihre wohlhabenden Altersgenossen; sie haben seltener Erfolgserlebnisse und entwickeln weniger eigene Ziele. Sportvereine helfen, gesünder zu leben, Erfolgserlebnisse zu schaffen und sichere Beziehungen in der Gesellschaft aufzubauen. Ein Ticket aus der Armut liefern sie allerdings in den seltensten Fällen.

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