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proMehr Freizeit für alle

Von Marlene Thiele / 14. November 2015
Credits: icatus/ flickr: "Freizeit"; Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Natürlich raubt die Digitalisierung Arbeitsplätze. Konkret sind es bis zu 60.000 Stellen, heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Aber das muss gar nicht schlecht sein, wenn man die gewonnene Arbeitszeit zur Entlastung aller Arbeitskräfte nutzt.

Wir befinden uns mitten in einer industriellen Revolution. Mehr als hundert Jahre nachdem die Dampfmaschine das Industriezeitalter eingeläutet hat und später Elektrotechnik und schließlich Computer die Produktion effizienter gemacht haben, kommt nun die Industrie 4.0: die maximale Vernetzung von Mensch, Maschine und Produkt.

Maschinen werden nicht mehr nur zur Produktion eingesetzt, sondern koordinieren den gesamten Fertigungsprozess in Eigenregie. Das beschleunigt die Herstellung, reduziert den Lagerbedarf und ermöglicht Individualisierung. Vor allem aber spart es Kosten, denn für all diese Aufgaben wurden zuvor Menschen bezahlt. Diese Arbeitsstellen gehen nun verloren.

60.000 Arbeitsplätze weniger

Bis zum Jahr 2030 wird es 60.000 Arbeitsplätze weniger geben, prophezeit das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einem Mitte Oktober veröffentlichten Forschungsbericht. Betroffen seien vor allem einfache Routinetätigkeiten: 420.000 Arbeitsplätze gehen im verarbeitenden Gewerbe verloren, während die 360.000 neu geschaffenen Stellen vor allem dem Dienstleistungssektor zuzuordnen sind. Obwohl weniger menschliche Arbeitskraft zum Einsatz kommt, wird es laut dem IAB durch die Digitalisierung in der Industrie eine höhere Wertschöpfung und größere volkswirtschaftliche Gewinne geben.

Jeder zwanzigste Arbeitnehmer ist psychisch krank

Der Stellenwegfall könnte zum Vorteil aller genutzt werden. Das Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) hat für den DAK-Psychoreport die Daten von circa 2,6 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten analysiert und herausgefunden, dass jeder zwanzigste Arbeitnehmer unter psychischen Problemen leidet. Der Grund ist in den häufigsten Fällen eine zu hohe Arbeitsbelastung.

Zwar werden immer mehr Arbeitsschritte auf Maschinen verlagert, müßiger wird der Mensch dadurch aber keineswegs. Im Gegenteil: Der Alltag erscheint schnelllebiger, der Beruf stressiger und Freizeit ist als solche nicht mehr von der Arbeit zu trennen.

Man könnte so weitermachen. Mit der „Industrie 4.0“ gäbe es dann ein paar mehr Arbeitslose, der Rest prescht weiter voran bis zum Burnout. Dann hätte man nur Verlierer. Man könnte mit der gewonnenen Arbeitszeit aber auch alle zu Gewinnern machen.

Die Ware Arbeitszeit muss verknappt werden

Schon 2013 forderten über mehr als hundert Wissenschaftler, Politiker, Gewerkschafter und Publizisten eine Arbeitszeitreduzierung hin zur 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. In einem offenen Brief an die verschiedenen Verbände, Vorstände und Parteien in Deutschlands kritisierten sie die hohe Zahl Arbeitsloser oder Unterbeschäftigter, denen überforderte Arbeitnehmer gegenüberstünden. Man müsse Arbeitszeit als Ware betrachten und durch eine EU-weite 30-Stunden-Woche verknappen, weil ein Überangebot zu Lohnverfall und Arbeitslosigkeit führe.

Selbstverständlich brachte diese Forderung keine politischen Konsequenzen mit sich. Aktuelle Arbeitszeitstatistiken zeigen trotzdem, dass sich der Trend zur 30-Stunden-Woche geht. Gerade wer im n seinem Beruf physisch und psychisch an seine Grenzen kommt, beginnt zu begreifen, was im Leben zählt. Work-Life-Balance wird immer wichtiger, schließlich nützt es nichts, viel Geld zu verdienen, wenn man es nicht ausgeben kann. Jede Stunde Arbeit ist verkaufte Lebenszeit.

Lasst uns leben!

Die „Industrie 4.0“ bringt höhere Gewinne und kostet weniger Arbeitszeit. Wenn man diesen Zeitgewinn auf die gesamte Gesellschaft umrechnet, hat jeder einen Vorteil daraus davon. Es ist offensichtlich, dass in manchen Branchen mehr Stellen durch die Digitalisierung wegfallen als in anderen. Solche Entwicklungen sind lange voraussehbar und können schon in der Schul- und Berufsausbildung berücksichtigt werden. Das hat bei den drei vorangegangenen industriellen Revolutionen schließlich auch geklappt.

Man sollte den Verlust von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung also als Gewinn ansehen. Dank des Fortschritts kann sich der Mensch nun endlich ein bisschen zurücklehnen. Digitalisierung raubt keine Arbeitsplätze – sie nimmt Arbeit ab, ohne dafür Lohn zu fordern. Lasst uns dankbar sein und leben!

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