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contra„Wenn der Wind jagt, bleibt der Jäger zu Hause“

Von Nadine Tannreuther / 31. Oktober 2022
picture alliance / ullstein bild | Atelier Binder

Manche jagen jedem Trend hinterher, wollen auf jeder Welle mitschwimmen. So wirkt es. Aber nicht alles ist einem Trend unterworfen. Tradition ist nicht gleichzusetzen mit Trend. Verdeutlicht am Beispiel eines alten Brauchtums.

Langsam und lautlos bewegst Du Dich durch den Wald. Dabei passt Du Dich flexibel neuen Situationen wie Wind, Schnee, Laub oder Ästen an. Wenn Du Deine Wege nicht kennst und sie nicht pflegst, hast Du verloren. Höre auf Dein Gefühl, die Stimmen des Waldes und mache Dich auf die Suche nach Wild: Herzlich Willkommen auf der Pirsch!

In Deutschland entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, sich dem Thema Natur, Wald und Wildtiere zu nähern. Einen längerfristigen Anstieg von Jagdteilnehmern will der Deutsche Jagdverbund (DJV) erkennen. Dessen Youtube-Kanal verzeichnet 15.400 Abonnenten und auch die sogenannte Waldfleisch App zeigt mit 75.000 Nutzern, dass die Jagd auf dem Vormarsch ist. Sozusagen im Trend, wie manche glauben.

Jagd als Brauchtum

Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert einen Trend wie folgt: „Komponente einer Zeitreihe, von der angenommen wird, dass sie längerfristig und nachhaltig wirkt.“ Die Pirsch ist Teil einer langen Tradition in Deutschland und umfasst Jagdwesen, Wildtiermanagement oder auch kurz: die Jagd. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war es nur Adligen gestattet, in den Wäldern wild lebende Tiere zu erlegen. Erst mit der Abschaffung des Feudalrechts wurde das Deutsche Jagdrecht reformiert und allen Bürgern erlaubt. Seitdem begleiten Sitten und Bräuche den eigentlichen Akt des Erlegens: eine eigene, waidmännische Sprache, spezielle Kleidung inklusive einer besonderen Form der Verständigung: mit Hörnern.

Die Jagd ist jedoch umstritten. Ein schlechter Ruf vom lauten Erlegen des Wildes sowie tierische Trophäen scheinen einem respektvollen Umgang mit Umwelt und Natur entgegenzustehen. Fakt ist: Die Jagd stört das Ökosystem im Wald. Fakt ist aber auch: Ohne das Jagen vermehren sich Wildtiere und Krankheiten unkontrolliert. Jagd ist darum mehr als Zeitvertreib.

Liegt Jagen im Trend?

Bei der Pirsch geht es darum, das Revier, die Wechsel als auch die Gewohnheiten der Wildtiere zu kennen und darauf einzugehen: Wo finden sich beliebte Äsungsplätze, Wildäcker, Malbäume, an denen sich Wildschweine oder Dachse scheuern, oder Kirrungen, also Plätze zum Ausbringen von Getreide? Nicht nur die Pirsch ist Teil der Jagd. Artenschutz, das Vorbeugen von Tierseuchen und Wildschäden sowie die Unterstützung bei Wildunfällen zählen zu den Aufgaben von Jägern, zumeist Ehrenamtliche, welche Vereinen oder Verbänden angehören. In seinem Verbandsbericht 2021/22 gibt der DJV einen Jagdrekord von 403.420 erlegten Tieren an und einen Jungjägerzuwachs von 18.900, darunter mit 29 Prozent „Waidfrauen“.

Wer sich dem Brauchtum anschließen möchte, durchläuft eine intensive Ausbildung an Theorie, Seminaren und Schießübungen. Der angehende Jungjäger Martin nimmt sich dafür fast ein Jahr Zeit, um Flora und Fauna genauer zu verstehen. Für den 32-Jährigen ist es nicht der Schein, der ihn zum Schützen macht, „sondern die Zeit, die dich zu einem guten Jäger macht.“ Dabei geht es ihm darum, „zu verstehen, wie sich das Tier in welcher Situation verhält.“ Erst wenn man dies verinnerlicht habe, dürfe man auch ein solches Tier erlegen.

Der 56-jährige Karsten ist ebenfalls Anwärter des Jagdscheines. Seine Motivation, all die Fachbegriffe, Tiere und Zahnformeln zu lernen, ist vor allem: „Als Jäger bin ich ein ausgebildeter Naturschützer und erhalte einen qualifizierten Einblick in die natürlichen Abläufe in Land und Forst.“ Darüber hinaus ist für ihn die Jagd ein Ausgleich zum beruflichen Alltag und bietet die Möglichkeit, eine Vielzahl an interessanten Persönlichkeiten kennenzulernen, welche das gemeinsame Brauchtum pflegen. Er hebt die Gemeinschaft hervor, die im Sinne der Natur handelt. Die Pirsch ist für ihn eine „Königsdisziplin mit Fingerspitzengefühl“, welche erst erlernt werden will, bevor sie angewandt wird.

Frauen auf der Jagd

Auch die 43 Jahre alte Carmen möchte der Abwehrhaltung gegenüber dem Jagen entgegenwirken. Sie ist in Waldnähe aufgewachsen und auch sie hat das Jagdfieber gepackt: „Wenn man den Wald im Herzen trägt, so kommt es zwangsläufig früher oder später zu dem Wunsch, mehr darüber wissen zu wollen.“ Wer Interesse an Natur, Umwelt- und Tierschutz hat, der kann sich ihrer Meinung nach nirgendwo mehr Informationen holen und mehr darüber lernen als beim Lehrgang für angehende Jäger, den sie gemeinsam mit 13 Jungjägern und einer weiteren Jungjägerin absolviert. Sie ist davon überzeugt, dass das Handwerk erhalten bleiben muss. Es sei erschreckend, wie wenig Kinder und Erwachsene über die Natur und Umwelt, in der und vor allem von der wir leben, wüssten. Ihr Vorschlag: ein Unterrichtsfach in der Schule oder die Förderung von Waldkindergärten.

Alle drei versichern, dass es falsch ist, allem unkontrolliert nachzugehen. Für sie ist Jagen kein Trend, sondern ureigene Tradition. Eine, die gewürdigt und gepflegt werden sollte, weil sie selbst Tierwelt und Naturverbundenheit hochhält. Denn nur wer sich auskennt, weiß, dass beim Pirschen im Neuschnee die Chancen gut stehen. Am nächsten Tag, beim gefrorenen Schnee sollten sie den Wald ruhen lassen. Und „wenn der Wind jagt, bleibt der Jäger sowieso zu Hause“.



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