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proDu bist, was du trinkst

Von Sophie Hubbe / 30. September 2019
Credits: Photo by Steve Johnson on Unsplash;

Immer lauter werden Stimmen, die einen freien und kostenlosen Zugang zu Trinkwasser für jeden fordern. Damit einher geht die Überlegung, den Verkauf von abgefülltem Wasser zu verbieten. Dabei liegt genau darin die Chance, die Ressource nachhaltig und fair zu teilen.

Ein Leben ohne Trinkwasser aus der Leitung ist für viele unvorstellbar. Auf rund 2,2 Milliarden Menschen trifft das nicht zu, denn sie gelangen gar nicht erst an sauberes Wasser. Demgegenüber steht eine Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen, die den Zugang zu sauberem Wasser zum Menschenrecht erklärt hat. Dabei ist klar: Je nach Lebensort variieren nicht nur Verfügbarkeit und Zugangsmöglichkeiten zu sauberem Wasser, auch die Qualitätsunterschiede sind groß.

Dieser Umstand ebenso wie die aktuelle Klimadiskussion führen auch bei uns zu einem bewussteren Umgang mit Wasser, nicht zuletzt beim eigenen Trinkverhalten. Die Zahl derjenigen, die Leitungswasser dem mit großem Aufwand gewonnenen, abgefüllten und transportierten Quellwasser aus dem Supermarkt vorziehen, steigt. Aus ökonomischer und ökologischer Perspektive ist das eine positive Entwicklung. Sie darf aber nicht zu einem parallelen Verkaufsverbot von abgefülltem Wasser führen. Denn so umstritten das Verhalten einiger Unternehmen ist, so viele Chancen kann dieser Markt für eine nachhaltigere Gewinnung und Bereitstellung von Wasser für alle haben. Das klingt nur auf den ersten Blick paradox.

Wasser als Geschmackserlebnis und soziales Statement ist dabei relativ neu, aber durchaus eine gute Sache. Es gibt schließlich genug Länder, in denen noch immer achtlos mit Trinkwasser umgegangen wird. Durch die Selbstidentifikation über das eigene Trinkverhalten, erhält das kostbare Gut eine notwendige Aufwertung: Die Bereitschaft, Geld für etwas zu bezahlen, das ich quasi kostenlos aus der Leitung kriegen kann, zeugt von besonderer Wertschätzung. Ist ein Anreiz, achtsam damit umzugehen. Ein Verkaufsverbot wäre nicht nur gegen das Konsumverhalten einiger Bürger gerichtet und würde ihre Entscheidungsgewalt einschränken. Zudem würde damit eine falsche Botschaft entsendet.

Recht auf Verkauf? Warum nicht?

Ohne Frage darf ein Unternehmen mit einem lebensnotwendigen Produkt keine reinen Profitabsichten verfolgen und Gewinne auf Kosten der Lebensqualität anderer erzielen. In der französischen Kleinstadt Vittel füllt der Schweizer Konzern Nestlé täglich mehr als zwei Millionen Flaschen Mineralwasser ab. Die Folge: Der Grundwasserpegel sinkt und die Wasserversorgung vor Ort kann in Teilen nicht mehr ausreichend gewährleistet werden. Darf Néstle das? Oder steht das Wasser ausschließlich den dort lebenden Menschen zu? Weder noch.

Wasser ist Allgemeingut. Jeder, egal ob er neben einer Wasserquelle wohnt oder nicht, sollte die Möglichkeit haben, qualitativ hochwertiges Wasser zu sich zu nehmen. Ändern muss sich hier darum die Unternehmensstrategie, um eine Ausbeutung des natürlichen Wasservorkommens zu verhindern. Eine Idee wäre eine Subventionierung von Schutzprogrammen durch Wasserkonzerne. So könnte für jeden verkauften Liter Wasser ein Anteil des Umsatzes in Wasserförderprojekte oder den Bau von öffentlich zugänglichen Brunnen investiert werden.

Ein Verbot kann erst gefordert werden, wenn eine umfängliche Wasserversorgung gewährleistet ist. So fehlt es in Deutschland ganz massiv an frei zugänglichen Brunnen und Wasserspendern. In Berlin hat der Senat im vergangenen Jahr eine Million Euro zur Verfügung gestellt und den Bau von 100 Brunnen beschlossen. Im Vergleich mit anderen Großstädten ist das mager. In Rom gibt es um die 2.500 Brunnen. Überkommt einen hier unterwegs der Durst, ist der Kauf einer Wasserflasche oft nicht vermeidbar.

Sprudeltradition

Vorm Kühlregal stellt sich die Frage, welches Wasser man wählt. Wir Deutschen lieben es dabei sprudelig. Der Konsum von Mineralwasser steigt hierzulande seit Jahren. 1970 trank jeder Deutsche im Durchschnitt jährlich um die 12,5 Liter Mineralwasser. Heute sind es im Jahr über 150 Liter. Ein großer Vorteil der Kohlensäure: Sie hemmt das Wachstum von Bakterien und hält das Wasser länger frisch. Deutschland verfügt zudem aufgrund seiner Geologie ohnehin über besonders viele Mineralquellen, die schon von Natur aus Kohlensäure enthalten. Unsere Vorliebe für den Sprudel ist also historisch gewachsen. Warum sollte es dann weiterhin nicht erlaubt sein, sich derartiges, abgefülltes Trinkwasser zu kaufen? Nachfrage schafft Angebot.

Wie dieses Wasser gewonnen, verpackt, transportiert und bepreist wird, darüber muss natürlich weiter diskutiert werden. Es darf nicht Sinn der Sache sein, dass sich einzelne Konzerne ein goldenes Näschen damit verdienen, Wasserquellen abzuschöpfen und das gewonnene Gut teuer zu verkaufen. Stattdessen muss darüber nachgedacht werden, dass ein Teil der Einnahmen in Förderprogramme für die Wassergewinnung und -bereitstellung weltweit eingesetzt wird, um allen Menschen den Zugang zu Wasser zu ermöglichen.

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