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contraWer dealt da mit Menschenrechten!?

Von Leonie Ziem / 30. September 2019
Illustration: Leonie Ziem

Ohne Wasser können wir nicht lange überleben. Der Umgang mit der Ressource ist also hochpolitisch: Aus meinem Wasserhahn tropft ein Menschenrecht. Gleichzeitig machen weltweit Unternehmen damit unverfroren große Profite.

Der Zugang zu sauberem Wasser wurde mir samt deutscher Staatsangehörigkeit zu meiner Geburt geschenkt – einfach so. Doch entgegen dieser deutschen Selbstverständlichkeit, hängt am Wasser auch immer eine globale Verantwortung: Nur drei Prozent der enormen Wassermengen auf der Erde sind trinkbar und nur ein geringfügiger Teil davon auch zugänglich. Gleichzeitig sorgt die Klimakrise dafür, dass Wasserquellen vertrocknen, und die Verschmutzung von Wasser immer massiver wird. Trotzdem gibt es da Unternehmen, meist aus dem globalen Norden, die auf die Idee gekommen sind, mit dem weltweiten Verkauf von Wasser das große Geschäft zu machen. Ist ja erlaubt.

Wem gehört Wasser?

Statt von einer Wasserkrise zu sprechen, würde Johannes Schmiester, Projektmanager für das Thema Water Stewardship beim WWF Deutschland, lieber die „ungleiche Verteilung“ in den Fokus stellen. So haben laut Unicef 2,1 Milliarden Menschen weltweit keinen Zugang zu sauberem Wasser. Dabei ist der Zugang zu sauberem Wasser ein Menschenrecht, das hat die UN immerhin 2010 anerkannt. Währenddessen verfügen andere Menschen in Massen über Wasser: Virtuelles Wasser ist im Alltag unsichtbar, doch genau wie beim Verkauf von Trinkwasser muss man sich fragen, wer Wasser verbrauchen darf und wofür. Lebensmittel, Textilien, ein neues Handy – virtuelles Wasser, also Wasser, das bei der Herstellung von Gütern oder Leistungen verbraucht oder verschmutzt wird, steckt in allem, was wir konsumieren. Allein für eine Tasse Kaffee werden 140 Liter benötigt. Diese Gleichung könnte langsam bei jedem Kaffeetrinker eingesickert sein… Bevor ein Unternehmen sich für seine Geschäfte am Gut Wasser bedienen darf, sollte zunächst der freie Zugang zu sauberem Wasser für alle Menschen gewährleistet sein. Oder etwa nicht!?

Durst als Erfolgskonzept

Firmen wie Evian oder Perrier tun nichts Schlechtes, glauben viele Franzosen. Und auch ihre Nachbarn halten sich mit Kritik zurück, obwohl der Schweizer Konzern Nestlé, der mit Wasser Profit machen, seine Produkte in Ländern verkauft, in denen Wassernotstand herrscht. Und das funktioniert so: Man klaut der Allgemeinheit Wasser und vertickt es dann an die, die es nötig haben. Das Geschäft mit dem Menschenrecht ist nämlich ein lukratives. Indem Nestlé als Landbesitzer z.B. in einigen Staaten der USA das Recht inne hat, Grundwasser aus dem Boden zu pumpen, kann der Konzern sich praktisch kostenlos an der flüssigen Ressource bedienen und dann ungeniert dort vermarkten. Blöder Nebeneffekt: Der Grundwasserspiegel wird dabei unvermeidlich gesenkt. Wasserprivatisierung ist auch nicht damit zu entschuldigen, dass sie sich an gewisse Standards hält oder die Gewinnung dieses Bodenschatzes überhaupt ermöglicht. Das geht auch mit staatlichen Investitionen.

Das eine: Menschenrecht, das andere: Partygetränk

Wenn Wasser zur Ware wird, dient es kapitalistisch organisierten Unternehmen dazu, damit Gewinn zu machen. Wasser ist dann nicht länger ein öffentliches Gut, sondern wird zu Privateigentum. Wieso akzeptieren wir derartige Besitzverhältnisse? Ich rufe voller Fragezeichen bei Nestlé an. „Wir selber sehen uns eher in Konkurrenz zu Anbietern von anderen Erfrischungsgetränken wie Limonaden“, erklärt der Konzernsprecher. Und erkennt nicht, dass das ist, als ob man Äpfel mit Birnen vergleicht! Menschenrecht versus Partygetränk. Ob gewollt oder nicht: Nestlé wird so nicht Gefahr laufen, als Wasserversorgerin zu gelten. „Wir bewegen uns in dem Bereich: trinken unterwegs“, heißt es lapidar.

Menschenrecht? Nur für Kunden!

Der Konzern zieht sich so aus der Verantwortung, die sich durch den Umgang mit Wasser automatisch ergibt. Sauberes Wasser ist tägliche Notwendigkeit und kein seltenes Bedürfnis, dem mit immer neuen Marketingtricks begegnet werden sollte. Doch ist das längst Normalität geworden. Ja, eine geradezu tragische Komik der Realität, an die wir uns bereits gewöhnt haben. Beinahe, als würde es normal sein, zu fragen: „Na, wie schmeckt dir die Luft heute? Gut? Sehr gut! Zwei Cent pro Minute, bitte!“

Nestlés Sprecher gibt zu: „Es gibt Länder, wo die Qualität einer öffentlichen Wasserversorgung so schlecht ist, dass die Menschen für’s Trinken Flaschen bevorzugen oder andere Systeme der Wasseraufbereitung nutzen. Allein, weil sie sonst ihr Leben gefährden würden. Und gerade in vielen Ländern des Südens ist das der Fall: Wenn man dort unterwegs ist, ist man gut beraten, nicht aus der Leitung zu trinken.“

Doch diese Sichtweise führt dazu, dass die Wohlhabenden in Ländern, in denen Wasser knapp ist, das Privileg besitzen, eine Flasche flüssiges Menschenrecht mit Nestlé-Logo in ihren Einkaufskorb zu schmeißen. Wer nicht zahlen kann, muss dursten. Oder sich mit schmutzigem Wasser begnügen. Eines der wichtigsten Menschenrechte überhaupt gibt es in diesem Fall nur für Kunden, nicht für Menschen.

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