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debatteMacht Zufall das Leben leichter?

Von Aloys Osewold / 31. Mai 2022
picture alliance / Westend61 | Vasily Pindyurin

Die einen glauben fest daran, dass alles im Leben Fügung sein muss. Andere wollen darin lediglich den Zufall erkennen. Beide Seiten verharren auf ihrem jeweiligen Standpunkt. Aber sich wirklich sicher sein, kann niemand.

Heute Nachmittag habe ich mit meinen beiden Jungs in unserem Garten gespielt. Eine zunächst unspektakuläre Aussage, die zum einen der Wahrheit entspricht und zum anderen das Ergebnis vieler Zufälle ist, so wie ich das – mit vielen anderen Menschen – rückblickend einordne. Und in dieser Debatte lässt sich die eigene persönliche Auffassung nicht aussparen.

Für mich fing alles damit an, dass ich auf einer Social Media-Plattform die Frage las, ob es denn noch vernünftige Männer gäbe. Spontan entgegnete ich, was die Person hinter der Frage denn unter „vernünftige Männer“ verstand. Das schien ihr imponiert zu haben, sodass sie, meine jetzige Ehefrau, mich daraufhin direkt anschrieb. Das erhoffte Glück im Unglück folgte bei der Geburt unseres ersten Sohnes. Denn zufällig war eine Ärztin zur Stelle, die rechtzeitig die Notwendigkeit eines Notkaiserschnitts erkannte und in der Lage war, ihn durchzuführen, weil unser Kind sich die Nabelschnur gleich drei mal um den Hals gewickelt hatte.

Die Geburt unseres zweiten Sohnes verlief weit weniger bedrohlich, aber auch hier ist es wohl letztlich Zufall, dass es sich wieder um einen Jungen handelt. Und doch ist Zufall nicht immer gleich Zufall.

Alle wollen mitreden

Mathematiker, Physiker und Statistiker berechnen Zufälle mit Hilfe der Stochastik und beziffern diese in Wahrscheinlichkeiten; in der Philosophie wird ergründet, ob es “echte“ Zufälle überhaupt gibt; und für Esoteriker ist Zufall nicht ohne Schicksal zu denken. Optimisten vermuten hinter dem Zufall nur zu gerne das Glück. Und in der Psychologie widmet man sich eifrig Beobachtungen, wie Menschen Zufälle wahrnehmen und diese, je nach Typus, einschätzen.

Daneben ergründen Experimente die DNA des Zufälligen. Die Wahrscheinlichkeit mit einem sechsseitigen Würfel eine Sechs zu würfeln ist genauso hoch, wie eine Eins zu würfeln. Es ist also purer Zufall. Fügen wir aber einen zweiten Würfel hinzu und addieren die Ergebnisse, so wirkt sich der Zufall geringer aus. Denn wir würden deutlich häufiger eine Sieben würfeln als eine Zwei oder eine Zwölf. Und das, obwohl jeder Würfel für sich ein zufälliges Ergebnis anzeigt.

Warum aber soll Zufall das Leben erleichtern? Zufälliges findet in zwei Kategorien statt, wird entweder als positiv oder negativ angesehen. Durch ein bestimmtes Verhalten erhöht sich die Chance, zufällig ein erhofftes Ergebnis zu erhalten. So kann man zum Beispiel Statistiken heranziehen, welche Lottozahlen am häufigsten gezogen werden, und dementsprechend den Lottoschein ausfüllen. Daher stammt auch die Redewendung vom ‚Streben nach Glück‘.

Nicht der Bestimmung entsprechend

Wie das Zufallsprinzip zu glücklichen Ergebnissen führen kann, zeigt sich der Anhängerschaft dieser These an illustren Beispielen. So gibt es angeblich deshalb Kartoffelchips, weil sich jemand über zu dicke Bratkartoffeln beschwert hat. Wiederum wurde der Wirkstoff von Viagra ursprünglich als Herzmedikament entwickelt, erlangte aber vor allem seiner unerwarteten Nebenwirkung wegen als Mittel zur Potenzsteigerung Bekanntheit.

Zu den als negativ betrachteten Zufällen zählen schwere Erkrankungen oder Unfälle. Auch hier nutze ich zur Verdeutlichung anstelle eines Verweises auf die allgemeine Auseinandersetzung dazu meine eigene Biographie. Ich bin vor neun Jahren bei Bauarbeiten durch das Dach gebrochen und nach einem freien Fall aus sechs Metern Höhe auf Stahlbetonboden aufgekommen. Einen halben Meter weiter standen Gitterboxen. Wäre ich dort gelandet, würde ich jetzt vermutlich nicht mehr diesen Text schreiben können. Ein Beispiel im Übrigen dafür, dass auf einen negativen Zufall ein positiver Zufall folgen kann.

Zufallsprinzip mit harten Konsequenzen?

Bleiben wir beim Thema Geburt. So sehr Geschlecht, Hautfarbe, Ethnie und vieles mehr von unseren Genen abhängt, so vereinnahmen bestimmte gesellschaftliche Gruppen im Anschluss ebendiese von der Natur zugeteilten oder auch dem Zufall “geschuldeten“ Merkmale, um zu Schlussfolgerungen zu kommen, die Ausgrenzung und Diskriminierung überhaupt erst ermöglichen.

Rechtfertigung für die eigene Abwertungstendenz findet statt, wo Klischees und Stereotype am besten greifen. Etwa bei der der Geschlechterfrage. Wer der ihm zugeschriebenen Identität nicht entspricht, riskiert seine Zugehörigkeit. Doch Vorurteile erzeugen Leidensdruck, wenn beispielsweise Frauen als KFZ-Mechatronikerin nicht ernst genommen werden und Männer sich als Erzieher in Kitas immer wieder dem Vorwurf der Pädophilie ausgesetzt sehen.

Zugleich lässt sich der Eindruck nicht wegreden, dass gerade dem Zufallsfaktor Geschlecht, der das Leben vieler oftmals eher erschwert, in westlichen Gesellschaften immer weniger Bedeutung verliehen wird. Frauen haben Familie und sind berufstätig, Männer gehen in Elternzeit und schmeißen den Haushalt. Was nicht heißt, dass sich diese “Rollenverteilung“ ohne Konflikte einfach so fügt. Diskussionen über gleichwertige Arbeit und Anerkennung gibt es allemal, wenn auch nur eine Seite den Zufall als relevante Komponente miteinkalkuliert.



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