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proWie Unvorhersehbares das Leben bereichert

Von Nadine Tannreuther / 31. Mai 2022
picture alliance / PantherMedia | Olivier Le Moal

Der Zufall – glücklicher Umstand als Überraschung im Alltag? Viele wollen nicht daran glauben. Ich tue es. Denn dafür gibt es genug gute Gründe.

„Nennen Sie einen glücklichen Zustand mit 13 Buchstaben.“ So könnte die Frage eines Kreuzworträtsels lauten. Oder wie wäre es mit einer Schlagzeile: „Ich bin glücklicher als vor dem Unfall“ oder „Glücksforschung: Was uns wirklich glücklich macht“?

Na, irgendeine Idee, welche Lösung sich hinter dem Rätselhaften verbirgt? Die Antwort könnte „Zufriedenheit“ lauten und dieser Zustand kann auch mal ganz spontan als „Zufall“ um die Ecke kommen und sich langfristig als Gemütszustand etablieren. Zum Glück!

Inspiration aus der Kunst

Für den Zufall als glücklichen Umstand lässt sich genügend Anschauungsmaterial heranziehen, beispielsweise aus dem Bereich der Fotokunst. „Der Zufall spielt häufig mit, wenn Menschen und Dinge beim Fotografieren so ins Bild geraten, dass die Aufnahme über das übliche Dokumentieren hinaus geht. Das sind die Momente, die Nadine Targiel, Florian Müller und Michael Streckbein suchen,“ beschreibt es ein Artikel zur entsprechend betitelten Kölner Ausstellung „Die Kunst des glücklichen Zufalls“ 2013.

Die drei Fotografen haben in ihren Schaffensphasen immer wieder festgestellt, dass die tollen Bilder ihnen oft erst dann gelingen, wenn die gezielte Suche aufgegeben wurde und aus der konstruierten Momentaufnahme eine unfreiwillige Schöpfung entstehen konnte.

Aufnahmen für den neuen Horizont

In seiner Ausstellungskritik hebt Journalist Jürgen Kirstens die Rolle des Zufälligen im künstlerischen Schaffensprozess hervor. „Er suchte einen Blumenladen auf, kaufte die schönsten und exotischsten Blüten und außerdem einen kleinen schlichten Strauß, welchen er seiner Frau schenken wollte,“ heißt es da über einen der Künstler. „Stundenlang arrangierte der Fotograf im Studio die besonderen Blüten, nahm sie aus allen möglichen Perspektiven auf und blieb doch unzufrieden mit dem Ergebnis.“ Irgendwann gab er frustriert auf.

Erst aus dieser Aktion des Loslassens entstand eine Idee, eine Eingebung – oder eben ein glücklicher Zufall –, als sein Blick auf den überschaubaren, schlichten Blumenstrauß für seine Frau fiel. Ergebnis: ein Stillleben, das die Poesie eines altmeisterlicher Werks darstellt und zwar so, wie der Fotograf sie vage vor seinem inneren Auge zuvor imaginiert hatte. Das Geplante wurde verworfen und konnte Platz machen für das Unvorhergesehene.

Unmögliche Zufälle

Zufall lässt sich nicht beweisen. Für mich geht es dabei um Wahrnehmung. Wir alle kennen solche Momente, bewerten sie nur aus verschiedenen Blickwinkeln. Schlichte Momente, die unserer Aufmerksamkeit scheinbar nicht würdig sind, sich dann aber als besonders wertvoll entpuppen. Das galt auch für mich, als ich müde und mürbe von einer Geschäftsreise vom Berliner Hauptbahnhof aus zurück ins heimische Mannheim fahren sollte.

Die lange Fahrt vor mir, war ich, gelinde gesagt, nicht bei bester Laune. Auch meine Freude auf Zuhause hielt sich in Grenzen. Ich war derart bedrückt, dass ich nicht einmal wusste, womit ich mich je wieder aufheitern sollte, als ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter fühlte. Die Hand gehörte meinem besten Freund, den ich seit Ewigkeiten nicht gesehen hatte, allen geplanten Verabredungen zum Trotz. Er fuhr, wie ich, mit demselben Zug in die gleiche Richtung – und bewies mir einmal mehr, dass „Zufallsgeschehen“ nicht bloß als Wortschöpfung existieren.

Schlimm, weil unvorhersagbar

So viele glückliche Zufälle! Warum ist dann aber der Begriff „Zufall“ oft eher negativ konnotiert? Für mich stellt sich die Sache klar dar: Im Allgemeinen ist der Mensch ein Gewohnheitstier. Wir mögen die Routine, Sicherheit und streben nach dem Berechenbaren. Struktur hilft uns zu planen, die Miete zu zahlen und unsere Existenz zu sichern. Zufall, das ist das Ungewisse, das Furchteinflößende; ihm scheint man schlicht ausgeliefert.

Zufall lässt sich – auch als glücklicher Umstand – nicht planen, doch wir dürfen uns daran im Moment und auch im Nachhinein erfreuen. Denn ist es nicht das spontane, unerwartete Ereignis, woran wir uns ewig erinnern? Oder zumindest häufiger als an das fünfte fest geplante Treffen, welches wir Mal um Mal frustriert verschieben?

Zufälle passieren und das ist gut so.



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