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proFortschritt als Prinzip Hoffnung

Von Madlen Schäfer / 30. Juni 2022
picture-alliance / dpa | dpa

Seit Anbeginn der Menschheit ist das Leben von immerwährendem Fortschritt geprägt. Gut so! Denn ich glaube, er ist schlicht unaufhaltsam, und hoffe durch ihn auf eine bessere Welt.

Es ist wohl eine der bekanntesten Illustrationen: Ein Affe bewegt sich auf all seinen Gliedmaßen fort und entwickelt sich langsam Schritt für Schritt zum Menschen, der aufgerichtet auf zwei Beinen geht. Das ist das Bildnis der Evolution und zeigt den Fortschritt, den der Mensch, der seinen Ursprung der Abstammung vom Affen verdankt, selbst im Laufe seiner Entwicklung genommen hat. Die Evolution beschreibt, wie der Mensch sich über tausende Jahre hinweg beigebracht hat, sich immer besser an die jeweilige Umgebung anzupassen. Und damit ist noch längst nicht Schluss! Unser aller Dasein scheint permanenter Fortschritt zu sein, Veränderungen sind Bestandteil unseres Lebens. Ob wir wollen oder nicht. Ich will.

„Leben ist besser als Tod„

Fortschritt, so könnte man sagen, liegt in der Natur der Sache. In unserer Natur. Er ist womöglich gar bestimmend für unsere Identität. Er steht für Leistung. Der Mensch hat Hindernisse und Probleme nicht einfach hingenommen, sondern sich der Umwelt entsprechend angepasst – oder umgekehrt die Umwelt an seine Bedürfnisse. All dies geschah zunächst, ohne dass man mögliche negative Konsequenzen daraus hätte erahnen können. Im allgemeinen Sprachgebrauch steht Fortschritt ja für etwas Positives, eine Veränderung, bei der sich die Ausgangssituation hin zum Besseren wendet. Es klingt simpel, ist aber eine wesentliche Erkenntnis: Fortschritt hat es in der Geschichte des Menschen in allen Lebensbereichen gegeben, in der Medizin, Philosophie, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Technologie. Sich ihm zu entziehen ist unmöglich. Stillstand sucht man vergebens.

Aus der Perspektive vieler Menschen hat „der Fortschritt“ ihr Leben verbessert. Die gestiegene Lebenserwartung kann als größter Erfolg angesehen werden. „Die meisten Menschen stimmen darin überein, dass Leben besser ist als Tod. Gesundheit ist besser als Krankheit. Nahrung ist besser als Hunger. Wohlstand ist besser als Armut. Frieden ist besser als Krieg. Sicherheit ist besser als Gefahr. Freiheit ist besser als Tyrannei. Gleiche Rechte sind besser als Engstirnigkeit und Diskriminierung. Alphabetismus ist besser als Analphabetismus. Wissen ist besser als Ignoranz. Intelligenz ist besser als Dummheit. Glück ist besser als Leid. Gelegenheiten, Familie, Freunde, Kultur und Natur zu genießen, sind besser als Schufterei und Monotonie.“ So schreibt der Psychologe Steven Pinker es detailliert in seinem Buch „Aufklärung jetzt“. Nehmen diese Indikatoren zu, dann sei dies gleichbedeutend mit Fortschritt, meint er. So gesehen haben wir uns in eine positive Richtung entwickelt.

Eine Utopie, die ihr Versprechen nicht einlöst

Aber, wie so oft, bestimmt die Perspektive die Deutung. Das gilt auch beim fortschrittlichen Denken. Was ist gut? Was ist schlecht? Und wer bewertet das eigentlich?! “Der ‘Fortschritt’ ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee”, befand etwa Friedrich Nietzsche. Da wo Licht ist, gibt es auch Schatten.

Die industrielle Revolution gilt als Errungenschaft der Gesellschaft, ein Entwicklungsschritt, der viel Wohlstand mit sich brachte. Gleichzeitig steht sie bis heute für tiefgreifende negative Folgen; und schon gar nicht gibt es Wohlstand für alle, erst recht nicht in globaler Perspektive; und am meisten litt und leidet die Natur: Schauen wir auf den Klimawandel, sieht es so aus, als schaufelten wir uns unser eigenes Grab.

Ist der Gedanke, Fortschritt würde alles zum Besseren wenden, also nichts als eine Utopie, die ihr Versprechen gar nicht einlösen kann? Endzeitszenarien sind uns Menschen nicht fremd. Bereits die Bibel ist reich an solchen Dystopien, die mit ihr um die Welt gezogen sind.

Ich glaube, dass der Fortschritt und die Erwartungen an ihn vom Streben nach dem Guten, dem Besseren geleitet war und ist, aber zu wenig die negativen Konsequenzen mitbedacht wurden. Menschsein bedeutet Fehler zu machen. Von Perfektion sind wir weit entfernt.

Aber wir werden nie aufhören, ja, nie aufhören können, uns weiterzuentwickeln. Oder soll Rückschritt den Fortschritt ablösen? Immer wieder kann auch das beobachtet werden. Aktuell werden angesichts steigender Energiepreise Rufe lauter, die die Atomkraftwerke länger am Netz halten wollen. Die zuvor für richtig befundene Energiewende scheint durch den Ukraine-Krieg ins Stocken geraten zu sein. Und das, obwohl mittlerweile als Konsens gilt, dass auch in gut betriebenen, modernen Atomkraftwerken wie in Japan katastrophale Unfälle möglich sind. Darüber hinaus gibt es auch keine Lösung für die Endlagerung des Atommülls.

Irren ist menschlich, sagt ein Sprichwort. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass der Mensch nach Höherem strebt, ohne dessen Folgen abschätzen zu können. Uns bleibt: Fehler nicht hinzunehmen und stattdessen Korrekturen vorzunehmen. Als Gesellschaft werden wir immerzu vor vielen Herausforderungen stehen, die es zu bewältigen gilt.

Ich vertraue unverzagt dem Prinzip Hoffnung. Ich glaube, wir können und müssen es besser machen, um Fehler vorangegangener Generationen nicht zu wiederholen. Und das genau heißt – Fortschritt.



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