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contraMit großen Schritten in die Krise

Von Sebastian Krieger / 30. Juni 2022
picture alliance / NurPhoto | Alberto Pezzali

Das Denken des „Höher-weiter-schneller“, das seit der ersten Industrialisierung den Lebensstandard in der (westlichen) Welt rasant gesteigert hat, ist am Ende. Dieser Fortschritt verspricht nur noch Klimakrise, Artensterben und Luxus für wenige auf Kosten vieler.

„Unsere Kinder sollen es besser haben als wir.“ In meiner Familie gibt es diese Erzählung mindestens seit der Generation meiner Großeltern, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder miterleben mussten. Für sie bedeutete Fortschritt vor allem materieller Wohlstand. Fleischkonsum, eine Waschmaschine, ein Auto. Und mit Blick auf die Lebenserfahrung meiner Großeltern kann ich das gut verstehen. Meine Eltern haben dieses Denken geerbt – und sie sind in ihrer Generation der “Babyboomer“ sicher nicht die einzigen.

Der Gedanke, dass es nachfolgende Generationen, Kinder und Enkel, besser haben sollen, ist gesellschaftlich handlungsleitend. Doch ausgerechnet die gepamperten Babyboomer zeigen, dass der bisherige Fortschrittsbegriff, der in Kategorien von „höher, schneller, weiter“ dachte, an sein Ende gekommen ist. Worin soll das ‚Mehr‘ denn noch bestehen, wenn der Ausgangspunkt für einen großen Teil der Bevölkerung bereits Eigenheim, Auto, Ressourcen für jährliche Urlaube und der tägliche Einkauf beim Metzger ist (oder all dies zumindest möglich wäre)?

Bis heute sprechen wir in Deutschland gerne vom Wirtschaftswunder der 1950er Jahre, einer Zeit, in der – so lautet diese Erzählung – es allen zusehends besser ging. Das mag für bestimmte Bevölkerungsgruppen zutreffen. Doch in der ehrlichen Rückschau wissen wir heute, dass dieser Fortschritt niemals nachhaltig war und in dieser Form auch nie sein wird. Gerade angesichts der multiplen Krisen, die unsere Gegenwart prägen, wird es Zeit, ein neues Fortschrittsversprechen zu formulieren.

Voranschreiten – ja, aber anders

Die Idee des Fortschritts, individuell wie gesellschaftlich und auch global gesehen, war doch diese: Je mehr wir als Menschheit voranschreiten, uns entwickeln, erfinderisch bleiben, bereit sind für Herausforderungen, desto besser wird es den Individuen innerhalb dieser Gesellschaften gehen. Wir werden mehr Menschen vollwertig ernähren können und den weltweiten Lebensstandard durch Zugang zu Bildung und Energie, aber auch Freiheit von Krankheit und Krieg steigern.

Blicken wir in die Schlagzeilen der letzten Wochen, stellen wir jedoch fest: Derzeit sehen wir einer weltumspannenden Hungerkrise ungeahnten Ausmaßes entgegen, die uns selbst allerdings nur marginal betrifft. Wir hier in Deutschland haben 2022 zunächst nur einen überdurchschnittlich warmen, trocknen und extrem sonnigen Frühling erlebt; in Frankreich wird infolge der Hitzewelle allerdings bereits die Leistung der Atomkraftwerke gedrosselt, weil es dafür an Kühlwasser fehlt. Atomkraftwerke sind dabei im Übrigen eine schöne Metapher für eben jenes Fortschrittsdenken, das uns in Krisen führt: Noch im Februar hatte der französische Präsident Emmanuel Macron von einer „Renaissance der Atomenergie“ gesprochen, 14 neue AKW sollten gebaut werden, um den steigenden Strombedarf im Land zu decken. Dabei wissen wir es doch längst: Je länger AKW laufen und je mehr es davon gibt, desto größer wird auch die Menge strahlenden Atommülls und die damit verbundenen Probleme der Einlagerung. Was kurzfristig Linderung unseres Energiehungers versprach, bricht nun mit dem Versprechen, nachfolgenden Generationen eine bessere, sicherere Welt zu hinterlassen. Nicht nur deshalb müssen wir von der Zukunft her denken und den Blick von den Annehmlichkeiten der Gegenwart lösen.

„Never let a good crisis go to waste„

Klimakrise, Lebensmittelkrise, Energiekrise – die multiplen Probleme und Krisen, die uns nicht mehr loslassen, wirken sich wechselseitig aufeinander aus. Allen ist gemein, dass wir als Gesellschaft (noch) nicht bereit sind, ihnen mit einem veränderten Fortschrittsverständnis zu begegnen. Seit Jahrzehnten gibt es Menschen, die „aussteigen“ und etwa als Selbstversorgende leben. Die Mehrheitsgesellschaft belächelt sie besserwisserisch dafür.

Und auch wenn in den letzten Jahren die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel allgemein bekannter und als wahrheitsgemäß anerkannt worden sind, so haben sie bis jetzt am ehesten zu Anstrengungen geführt, noch mehr neue Technologien zu entwickeln, die unsere in den letzten Jahrzehnten angewöhnte Lebensweise weiterhin ermöglichen sollen. Wir hoffen auf neue Technologien, damit alles Alte bleiben kann wie es ist?!

Was aber, wenn genau dieses verquere Fortschrittsdenken einer der Gründe ist dafür, dass wir uns Menschen selbst und die Natur weiter ausbeuten, also fossile Energieträger verbrennen und das Klima über den Punkt hinaus erwärmen, an dem Leben in der Form, wie wir es kennen, verunmöglicht wird? Diese Frage stellen Klimaaktivisten, NGOs und Parteien sich seit Jahrzehnten. Zu viele Unternehmen und Regierungen aber stellen sich weiterhin taub. Es ist ein Dilemma, aus dem es einen Ausweg gibt. Doch dieser heißt nicht „Fortschritt“ und schon gar nicht um jeden Preis.

Winston Churchill sagte einmal: „Never let a good crisis go to waste!“ Lasse keine Krise ungenutzt! Gerade Krisenzeiten ermöglichen Disruption, das heißt, schnelle, tiefgreifende Veränderung. Nutzen wir die Chance also, um Fortschritt neu zu definieren, anders zu denken als die Generation unserer Eltern und Großeltern. Und vor allem: Betrachten wir Fortschritt in einer ebenso langfristigen wie globalen Perspektive, anstatt blind dem vermeintlich „guten Leben“ hinterherzurennen.



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