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Stadt, Land, Flüchtling

Von Ahmed Abdelazeem / 3. Januar 2017
Credits: Pixabay/ meineresterampe; Lizenz CC0

Sie leben. Dass zahlreiche Geflüchtete in Europa leben können, ist gut. Weniger gut ist dagegen häufig die Art, ihr Leben hier zu gestalten. Aber darf man sich beschweren, wenn man Hilfe bekommt? Dürfen sich Flüchtlinge beschweren?

“Was sind die Mühen humanitärer Arbeit wert, wenn Flüchtlinge in fast unerträglichen Umständen leben müssen?” Diese Frage erreichte uns im Herbst des letzten Jahres. Ahmed Abdelazeem hatte zu dieser Zeit bereits mehr als sechs Monate in griechischen Flüchtlingslagern zugebracht, als er sich per Brief zu Wort meldet.

Dass die Auffanglager in Griechenland überfüllt und unzureichend ausgestattet sind, ist kein Geheimnis. Laut Angaben der deutschen Bundesregierung sind etwa 16.000 Geflüchtete und Migranten auf den griechischen Inseln untergebracht – doppelt soviele als Plätze vorhanden sind. Sie hausen teilweise in Zelten, sind auf private Suppenküchen angewiesen. Katastrophale Zustände also.

Ioannis Mouzalas, der zuständige griechische Minister, versprach jedoch unlängst, dass mehrere Tausend Migranten und Geflüchtete bald in Wohnungen untergebracht werden und monatlich 400 Euro erhalten sollen. Straffällig gewordene sollen hingegen in eigene, neue Lager kommen. Gegen die Erweiterung bestehender Flüchtlingslager hatten sich vor allem Gemeinden auf dem Festland gewehrt.

Ohne Toleranz geht es nicht

Ahmed Abdelazeems Kritik, den Geflüchteten ein würdiges Leben zu ermöglichen, sie nicht nur am Leben zu erhalten, wurde erhört. Sogar sein Hinweis, dass Kriegsflüchtlinge mit Kriminellen Seite an Seite verweilen müssen, erhielt Resonanz. Aber ist damit alles erreicht? Nein. Weder in Griechenland noch hierzulande, wo die Situation nur bedingt besser ist.

Seit letztem Jahr erlaubt das bundesweit gültige Integrationsgesetz, dass nicht nur für Asylbewerber und Geduldete eine mehrmonatige Residenzpflicht gilt. Inzwischen wird auch anerkannten Asylanten in Bayern und Baden-Württemberg durch eine Wohnsitzauflage ein behördlich festgelegter Lebensraum zugewiesen. Das Ziel: Mehr Planungssicherheit für Kommunen und die Verhinderung von Großstadtghettos wie in Frankreichs Vorstädten oder in den USA.

Dass ohne Wohnsitzauflage “alle in die Großstädte” ziehen würden, wie Vize-Kanzler Sigmar Gabriel vermutet, ist tatsächlich nicht abwegig. Cornelia Koppetsch, Professorin für Soziologie an der TU Darmstadt, hatte dafür bereits 2016 in einem Interview eine eindeutige Erklärung. “Städte sind bevölkerungstechnisch durchmischter und per se toleranter – auch gegenüber Migranten.” Dort, wo Flüchtlinge eher toleriert würden, hätten sie bessere Chancen auf Intergration. “Besser zumindest, als wenn sie gezwungen, irgendwo zu bleiben, wo sie nicht sein möchten.“

Deutschland nicht abschaffen, sondern dazugehören

Anfeindungen von Seiten einer – vor allem im Osten meist schrumpfenden und vielfach arbeitslosen – Landbevölkerung existieren. Der Grund: „Die Zurückgebliebenen fühlen sich oftmals vernachlässigt“, sagt Koppetsch. Deshalb gäben sich die Bewohner sozial viel geschlossener im Hinblick auf Fremde allgemein. Ganz zu schweigen von Geflüchteten.

In Süddeutschland, wo die Mehrzahl der Migranten sich dank einer starken Wirtschaftsleitung in geregelten Beschäftigungsverhältnissen wiederfindet, scheint die Zusammenführung von Hiesigen und Zugezogenen gelungener. Eine Studie des Verbands der Privaten Bausparkassen von 2014 legt zudem nahe, dass Deutsche türkischer wie schwäbischer Abstammung gleichermaßen in Deutschland einen Ort sehen, in dem es sich lohnt, Wurzeln zu schlagen.

Wertegemeinschaft versus Gemeinschaftspotential

Neben dem Willen braucht es auch die Fähigkeit zur Integration. Ballungszentren sind als Anlaufpunkt nicht zu unterschätzen. Dort finden sich Gruppen gleicher Herkunft und Organisationen, die nicht nur mit Behördenanforderungen helfen, sondern auch ein Stück Vertrautheit vermitteln. Diesen Aspekt darf ein nachhaltiges Integrationskonzept nicht unterschätzen.

Dort sein, wo er sich willkommen fühlt und zugehörig, kann der Flüchtling Ahmed Abdelazeem nicht mehr. Vielleicht nie wieder. Er ist noch am Leben und jetzt auf der Suche nach einem lebenswerten Dasein. Ob er dieses in Europa finden wird, ist unklar.

“Ich will den offiziellen Stellen sagen: Wir haben uns von unseren bisherigen Leben verabschiedet, unsere Liebsten, unsere Heimat hinter uns lassen müssen. Hier büßen wir nun auch noch unseren freien Willen ein, werden unserer Freiheit beraubt.” Ahmed Abdelazeem will sein Klagen nicht als Anklage, sondern Warnung verstanden wissen. Europa sollte nicht nur Menschen davor bewahren, ihr Leben zu verlieren. Das Risiko, dass uns unsere Mitmenschlichkeit abhanden kommt, ist genauso hoch. “Das nicht zu erkennen, ist die eigentliche humanitäre Krise.”

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