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Unverblümt und ehrlich

Von Sophia Förtsch / 11. Mai 2023
Foto: Bernd Schoeneberg

Schwere Themen für Kinder und Jugendliche verständlich im Film verpacken: Eine anspruchsvolle Aufgabe, die oft schief gehen kann. Weltweit haben sich Studierende dieser Aufgabe gestellt und wunderbare Filme für die Sektion „Future“ beim diesjährigen Sehsüchte-Festival in Potsdam auf die Leinwand gebracht.

24 Filme. 24 unterschiedliche und außergewöhnliche Zugänge zu ernsten Themen. Nicht nur bei den Jugendfilmen geht es um Ängste und Sorgen. Auch bei den Kinderfilmen wurde sich auf ebenso einfühlsame wie humorvolle Weise an Themen wie Kinderehe, Trennung der Eltern, Verlustangst oder Tod herangetastet.

Filme für Kinder: Von Animation bis hin zu Live-Action

Neben einigen längeren Beiträgen gab es solche, die nur wenige Minuten dauerten. Da ist beispielsweise der belgische Film “Dream In Color”. Innerhalb von sieben Minuten wird sich ohne Worte, dafür mit sehr ausdrucksstarken Bildern dem Thema Verlust gewidmet. Zwei Brüder erschaffen sich nachts eine fantastische Welt, in der sie als Piraten Abenteuer erleben. Diese Träumereien helfen den Jungs, den Tod ihrer Mutter zu verkraften. Beeindruckt von dem Erfinderreichtum seiner Söhne wagt auch der traurige Vater den Sprung in die Traumwelt – und sorgt dabei nicht nur beim Publikum für den ein oder anderen Lacher.

Ein ähnliches Thema behandelt der französische Kurzfilm “Ferme Les Yeux”, der ebenfalls ohne Dialog auskommt, dafür aber mit Erzählstimme arbeitet. Ein kleines Porzellanmädchen wird von ihren Ängsten und der Last auf ihren Schultern regelrecht erdrückt. Sie sucht die Aufmerksamkeit ihrer Porzellaneltern, doch die sind mit sich selbst beschäftigt. Das Mädchen flüchtet sich in eine Fantasiewelt, die aber mehr einem Albtraum gleicht als einem Zufluchtsort. Selbst als sich das Mädchen dazu durchdringt, über ihre Ängste mit den Eltern zu sprechen und somit einen Teil ihrer Last abzugeben, wird sie nicht gehört.

Situationen, wie wir sie kennen

Eine Jury aus Kindern zwischen acht und zehn Jahren kürte am Ende “Anscht” (Schweiz/2021/R: Matthias Huber) zum besten Kinderfilm. Der Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und wurde vom Oberbürgermeister der Stadt Potsdam gestiftet. “Anscht” zeigt drei Minuten lang Momente eines kleinen Puppenkerlchens, die vielen bekannt vorkommen dürften: Der Junge wird von einem Skilift hochgezogen, verpasst aber den Absprung und fährt wieder nach unten. Beim Toilettengang kann er die Tür plötzlich nicht mehr öffnen. Er verlässt den Bus zu langsam und fährt ohne Mutter weiter. Situationen werden unverblümt und humorvoll angegangen – und dennoch macht der Film deutlich, dass Eltern die Ängste ihrer Kinder, egal wie alt diese sind, ernst nehmen sollten.

Heftige Themen jugendgerecht erzählt

Das Themenspektrum der Jugendfilme ging noch einen Schritt weiter. So wurden bei den Teens auch sexueller Missbrauch, gleichgeschlechtliche Liebe, Behinderung und Mobbing angesprochen. Die schweren Themen der zwölf Festivalbeiträge wurden auf sensible sowie jugendgerechte Weise erzählt, ohne das junge Publikum mit zwischen den Zeilen transportierten Botschaften in Watte packen zu wollen.

Die Länge der Filme variierte auch hier. So gab es Beiträge von weniger als zehn Minuten, der überwiegende Teil aber waren längere Kurzfilme. “Die Schule brennt und wir wissen warum” ist eine queere Empowerment-Geschichte, die Fotografie als Stilmittel verwendet. Die junge Rita ist eine stille Beobachterin der Ungerechtigkeiten, die sich tagtäglich an ihrer Schule abspielen. Dort fotografiert sie nachts die Schauplätze und verarbeitet die Fotos anonym zu kunstvollen Collagen. Eine große Stärke des Films sind die Fotomontagen mit Voice Over, die gekonnt in Szene gesetzt wurden und den Sehfluss weder stören noch verzerren. Im Gegenteil: Erst durch die Fotomontagen wird der Film zu einem einzigartigen Werk mit einem außergewöhnlichen Zugang zu Themen wie Mobbing und queer. Bewegtbild trifft hier auf Stills und entfacht ein wahres Feuerwerk an Sehgenuss.

Ebenso außergewöhnlich ist der Film “Flowerboy”, der auf einen Vintage-Look mit grellem und expressivem Farbcolor setzt. Blumen werden als Ausdruck von Emotionen benutzt und der Flowerboy wird plötzlich selbst zur Pflanze. Bei “Seaweed” versucht ein Junge, den Tod seiner Mutter zu verarbeiten, und findet Befreiung durch einen Unbekannten in der Wüste.

Nicht wegschauen

Der in dieser Kategorie mit 2.500 Euro dotierte und vom Studio Babelsberg gestiftete Preis für den besten Jugendfilm ging an “Pilona” (Peru/2022/R: July Naters). Der Film thematisiert den sexuellen Missbrauch durch Bezugspersonen. In altersgerechter Weise macht der Film klar, dass man niemals wegschauen darf. Die zwölf- bis sechzehnjährigen Jurymitglieder waren vor allem beeindruckt von der tiefgründigen Figurenzeichnung und der metaphorischen Darstellung der Ängste in Form eines wiederkehrenden Albtraums der kleinen Lea, hervorgerufen durch sexuellen Missbrauch.

Die hervorragend kuratierte Sektion “Future“ mit “Future Kids“ und “Future Teens“ hat abseits bekannter Kinofilmproduktionen Kindern ab sechs Jahren und Jugendlichen ab zwölf Jahren spannende, unkonventionelle und beeindruckende Kurz- und Langfilme unterschiedlicher Formen und Themen präsentiert – und damit fabelhaft brillierenden Filmen von Studierenden die Möglichkeit geboten, gesehen zu werden.

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