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Von der Kunst allen Lebens

Von Nadine Tannreuther / 11. September 2019
Credits: Bild von PublicDomainPictures auf Pixabay;

Lebenselixier und zugleich Inspirationsquelle: Wasser spielt auf so vielen Ebenen eine entscheidende Rolle. Trotzdem unterschätzen wir es immer wieder.

Wasser – auf unserer Erde die einzige chemische Verbindung, welche gleich in drei Aggregatzuständen vorkommt: flüssig, gasförmig und fest. Rund 71 Prozent der Erdoberfläche sind unter Wasser, dabei handelt es sich lediglich um drei Prozent Süßwasser, ohne das menschliches Leben, alles Leben unmöglich wäre. Auch unser Körper besteht mit bis zu 70 Prozent zum größten Teil aus Wasser. Wissenschaftlich betrachtet, ist es selbst jedoch kein wirkliches Element, weil es nicht nur aus einem Stoff besteht. Es handelt sich um die Verschmelzung zweier Elemente: Wasserstoff (H) und Sauerstoff (O), kurz H2O.

Doch ausgerechnet dieses vielgespriesene Elixier des Lebens weist nicht nur schöpferische, sondern ebenso zerstörerische Eigenschaften auf. Das Fließen des Wassers ist als Symbol für die fortschreitende Zeit aufzufassen und verkörpert die menschliche Existenz und ihre Vergänglichkeit. Im Hinblick auf die Vorstellung der Erlösung, steht Wasser für eine ständige Erneuerung, für ein Frieden-Finden als auch für die letztendliche Auflösung des Lebens. Auf der einen Seite herrscht also das Positive an Wasser vor, als Symbol der Reinigung, Erneuerung und Neugeburt, wie in religiösen Kontexten. Auf der anderen Seite steht Wasser gleichermaßen für vernichtende Energien durch seine mächtige Naturgewalt.

Was könnte inspirierender sein?

Wasser, das sich in Kunst auflöst

Während Wasser in der abstrakten Malerei oft gegenstandslos dargestellt wird, erschließt die moderne Fotografie neue Welten und Dimensionen. Zum einen wird dabei die reine, reale Erscheinungswelt wiedergegeben, zum anderen die für das menschliche Auge unbekannte und ungewöhnliche Wirklichkeit sichtbar und begreifbar gemacht.

Das allererste Foto, welches uns die Schönheit des Wassers offenbart, wurde von dem 1903 geborenen Amerikaner Harold Edgerton geschossen und trägt den Namen „Water from a Faucet“. Dem Ingenieur und Künstler war es 1932 mit einem Stroboskop gelungen, schnell fließendes Wasser, das für das menschliche Auge kaum wahrzunehmen ist, erstmals deutlich und scharf umrissen auf Fotopapier zu bringen. 1937 stellte das Museum of Modern Art in New York seine Fotografien aus, bevor Edgerton um 1950 unterwassertaugliche Blitz- und Kamerageräte entwickelte, um auch die bislang verborgene Unterwasserwelt in Bildern festzuhalten.

Seitdem werden Wasser, Eis und Gas vermehrt in der Foto- und Videokunst aufgegriffen. Große Künstler geben Wasser damit auch ästhetisch die prominente und einzigartige Bedeutung, die es verdient. Jüngstes Beispiel: „Aquarela“, eine Doku aus gewaltigen, imposanten Bildern mit fast größenwahnsinnigen Einstellungen, deren Blickwinkel man höchstens zu sehen kriegt, wenn der eigene Tod nicht mehr weit ist.

Eis. Kristalle. Schnee. Hagel. Wellen. Tropfen. Dampf.

Szenenwechsel. Dann fließt, plätschert, rauscht, fällt, krächzt, bricht es. Stille.

Damit steigt der dieses Jahr veröffentlichte Film ein: Eine Wüste aus gefrorenen Wassermolekülen, eine Eiswüste. Der russische Regisseur Victor Kossakowski nimmt die Zuschauer mit in eine unmenschliche Welt, in der Wasser nicht einfach nur da ist. Hier regiert es derart schonungslos, dass sich die Frage stellt, in welchem Verhältnis Mensch und Wasser langfristig zueinander stehen können.

Doch zunächst zeigt Kossakowski Formen, die sich manch einer nicht erträumen könnte, weil er etwas Vergleichbares noch nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Als Betrachter verliert man sich an die Faszination, die irritierende Schönheit des Gezeigten, gibt sich fast einer Illusion hin. Harter Schnitt. Es donnert. Kossakowski reißt den Betrachter aus der heilen Welt. Im nächsten Moment bricht scheinbar alles zusammen. Dann wechselt Kameraeinstellung wieder. Die Zuschauenden wurden in die Irre geführt. Nur ein überdimensional großer Eisberg wird fokussiert, der sich aus seiner bisherigen Landschaftsposition löst.

Kreativ und angepasst zugleich

Auf den höchsten Punkt eines Segelbootmastes, unter meterdicke Eisplatten, auf leere Straßen, die von nicht enden wollendem Regen aufgeweicht werden oder in durch Wassermassen bereits zerstörte, unzugängliche Wohngebiete – der Film erschließt sich Zugänge zu einer unwirtlichen Welt in teilweise 96 Bewegtbildern pro Sekunde. Dabei werden Szenen mit Musik unterstützt, die es gar nicht braucht, sie stört fast. Mit wenigen „Worten“ lässt Aquarela die von Wasser erzeugte Geräuschkulisse in seinen unterschiedlichsten Aggregatzuständen für sich selbst sprechen und wirkt am Ende wie Liebeserklärung und Mahnung zugleich: Die Kunst allen Lebens setzt bestmögliche, kreative Anpassung voraus, der vor allem Respekt zugrunde liegen sollte.

Das menschliche Wesen spielt in Aquarela nur bedingt eine Rolle. Doch die Botschaft ist klar. Mögen (ausgestorbene) Hochkulturen überall auf der Welt in Jahrtausenden gelernt haben, das lebensspendende Nass für sich durch innovative Ingenieurskunst zu nutzen, kontrollieren lässt es sich durch den Menschen nicht. Gegen die Macht des Wassers in all seinen Facetten hat er nicht wirklich eine Chance. Aber die Option, den Anblick zu genießen.

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