Twitter Icon Facebook Icon

proMehrfachehe als Absicherung

Von Jacqueline Möller / 27. April 2018
Credits: Pixabay/ TheusiNo; Lizenz CC0

Eine Ehe mit mehreren Partnern einzugehen, ist in Deutschland undenkbar. Aber vielleicht verteufeln wir die Mehrfachehe zu Unrecht. Ein Gedankenexperiment

Allein der Begriff der Polygamie erweckt in mir blanke Angst. Ich assoziiere: mittelalterlich, rückständig, frauenfeindlich, unterdrückend.

Mein Gedankenkarussell dreht sich wild: Ein alter faltiger Mann, umzingelt von einer Vielzahl junger Frauen, teilweise noch im Kindesalter. Ich erschaudere. Ist mein Urteil voreingenommen und meiner ethnozentrischen Grundhaltung geschuldet? Immerhin leben etwa zwei Milliarden Frauen weltweit in polygamen Beziehungen.

Selbst im Alten Testament gibt es Hinweise auf polygame Verhältnisse. China verbot die Mehrfachehe erst 1953. In den meisten muslimischen Ländern ist sie immer noch erlaubt.

Die Ehe als Überlebensgemeinschaft

Die Vielehe ist vor allem dort verbreitet, wo es an staatlichen Versorgungssystemen fehlt. Dies trifft insbesondere auf afrikanische oder arabische Länder zu. Kann der Staat keine soziale Absicherung gewährleisten, rückt die Familie in den Vordergrund. Sie sichert das Überleben, solange sie besteht.

Daher gilt: Je mehr Familienmitglieder, je größer der „Clan“, desto besser. Das Ausfallrisiko sinkt mit steigender Zahl der Angehörigen. Wirtschaftlich stark wird die Familie durch Arbeitsteilung und Mitgift.

In Deutschland genießen wir ein relativ starkes System der sozialen Absicherung. Ist es daher nicht vermessen, die Lösungen anderer Menschen zu verurteilen, die dieses Absicherungssystem nicht haben? Ist es nicht reines Glück, dass wir als deutsche Staatsangehörige in einem Land leben, welches für jene Sicherheit staatliche Mittel bereitstellen kann? Ist unser letztes Auffangnetz nicht auch die Familie?

Polygamie hat noch andere ökonomische Zwecke als den der finanziellen Absicherung. Sie dient dem Machterhalt. Viele Kinder werden in die Welt gesetzt, um die Erbfolge zu sichern. Oder aber man führt per Mehrfachehe gleich zwei Familien zusammen – und sichert so auch den Frieden zwischen diesen.

Andere Kulturen, andere Ehemodelle

Könnte Polygamie nicht sogar auch in das westliche Gesellschaftsbild passen? Wir leben in einem Zeitalter, in dem Bindungsangst salonfähig geworden ist. Datingportale wie Tinder und Co. ermöglichen die schnelle Partnersuche. Wir sind flexibler geworden, befreiter, neugieriger. Wir sind im Zeitalter der Selbstverwirklichung angekommen. Warum sich also weiterhin in eine monogame Zwangsjacke pressen? Der Ehebegriff ist doch auch Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und muss sich folglich mit der Zeit verändern.

Laut einer repräsentativen Umfrage kann sich auch bereits jeder Zehnte der insgesamt 3.200 Befragten eine polyamore Beziehung, also eine Partnerschaft mit mehreren, vorstellen. Dies entlaste den Einzelnen, glauben die Befragten, und trage zur persönlichen Entfaltung bei. Betrachten wir die Polyamorie als Vorbotin der Polygamie, könnten wir denken, letztere werde langsam gesellschaftlich akzeptierter.

Das Recht auf freie Selbstbestimmung

Polygamie kann als Ausdruck freier Selbstbestimmung gesehen werden. Trotzdem wird dieser Lebensweise nach deutschem Recht mittels der Paragraphen 1306 BGB und 172 StGB ein Riegel vorgeschoben. Der dort geschützten Monogamie lägen die „prägenden Wertvorstellungen des deutschen Rechts“ zugrunde, so die Begründung.

Was wäre wohl unsere Reaktion, wenn unser monogames Ehemodell bei einer Flucht ins Ausland dort nicht akzeptiert würde? Ich wäre fassungslos. Sind wir also wirklich so weltoffen und tolerant, wie wir es selbst von anderen erwarten?

Gehört die Gestaltung der Partnerschaft(en) nicht auch zu einem selbstbestimmten Dasein? Soll uns vorgeschrieben werden, was wir zu essen haben (Stichwort „Veggie Day“), was wir genießen dürfen (siehe Abschreckfotos auf Zigarettenschachteln) , wie wir also zu leben haben? Sind wir bald nur noch Marionetten einer von Vorschriften gegeißelten Gesellschaft? Dabei führt doch gerade Überregulierung zum Stillstand. Und wir wollen doch innovativ sein.

Das schreibe ich und denke am Ende, man kann sich nicht vor anderen Lebenswirklichkeiten verschließen, muss eine Diskussion darüber zulassen. Für mich persönlich käme Polygamie nie in Frage. In anderen Kulturkreisen mag sie aber durchaus ihre Daseinsberechtigung haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnlicher Artikel

Hintergrund

Kultur als Heimstätte

Sozial ist, was Gemeinschaft schafft. Und Integration gelingt nicht nur durch Erwerbsarbeit – wie ein gemeinnütziger Stuttgarter Verein …
Von Christa Roth / 12. Juli 2016

Zufalls Artikel

Hintergrund

Der Unerschütterliche

In Leipzig träumt ein Mann von einer besseren Welt. Michael Oertel hat Großes vor: Er baut einen alten Rummelwagen zum „mobilen Kulturbetrieb“ um. Das Gefährt soll Theater, Musik und Literatur …
Von Nora Große Harmann / 10. Dezember 2015

Meist Kommentierter Artikel

#2017plus

Nicht erst, wenn es zu spät ist

Wer sich weiterbilden will, der könnte schon bald Geld dafür bekommen – eine neue FES-Studie zeigt, wie aus der Arbeitslosen- eine Arbeitsversicherung werden könnte. Eine …
Von Alex Wolf / 5. Mai 2017