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proAusbau der Ganztagsschulen

Von / 28. Dezember 2013
Foto: Dennis Skley, CC BY-ND

2001 erlitt Deutschland den „PISA-Schock“, so nannte Eva-Maria Stange, damals Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die Ergebnisse des internationalen Schüler-Vergleichs. In der Kategorie Lesen fand sich Deutschland auf Rang 21, in Mathematik und Naturwissenschaften auf 20 von 31 Ländern wieder. Das Land der Dichter und Denker, eine der führenden Industrienationen der Welt, bekam eine […]

2001 erlitt Deutschland den „PISA-Schock“, so nannte Eva-Maria Stange, damals Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die Ergebnisse des internationalen Schüler-Vergleichs. In der Kategorie Lesen fand sich Deutschland auf Rang 21, in Mathematik und Naturwissenschaften auf 20 von 31 Ländern wieder. Das Land der Dichter und Denker, eine der führenden Industrienationen der Welt, bekam eine Analphabetenrate von 22 Prozent bescheinigt.

Gesellschaftliche Debatten setzten ein, welche Ursachen das vergleichsweise schlechte Abschneiden haben und wie das deutsche Bildungssystem verbessert werden könne. Die PISA-Studie schien einen Zusammenhang aufzudecken: In Ländern, in denen deutlich bessere Ergebnisse erzielt wurden, werden Schüler oft am Nachmittag betreut, beispielsweise in Neuseeland, Kanada oder Südkorea.

Neben verschiedenen weiteren Maßnahmen entschied die deutsche Bildungspolitik, den Ausbau von Ganztagsschulen voranzubringen – als Alternative zur traditionellen Halbtagsschule. Ein Blick zu den Nachbarn zeigte, dass auch in den meisten EU-Staaten ganztägige Schulen üblich sind.

Ein wichtiges Argument für die Ganztagsschule ist die Arbeitsverteilung in unserer modernen Gesellschaft. Oft ist eben mittags niemand zu Hause, um für den Nachwuchs zu kochen oder mit ihm die Hausaufgaben zu erledigen.

 

Die Arbeitzeiten der Eltern

 
Es geht um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Väter und Mütter werden von der Kindererziehung entlastet und können arbeiten gehen. Oft sind deren Arbeitszeiten nicht flexibel genug, um tatsächlich mittags nach Schulschluss zu Hause sein zu können. Paare müssen dann entscheiden, wer zurücksteckt, meist fällt die Wahl auf die Frau. Alleinerziehende verabschieden sich besser von weiteren beruflichen Zielen. Und alle haben in der Regel ein schlechtes Gewissen.

Die Ganztagsschule soll das familiäre Zeitmanagement deutlich erleichtern: Die Schüler essen in der Schule, Schularbeiten werden unter der Aufsicht der Lehrer erledigt. Zwischendurch sorgen Sport, Spiel und Basteln für Auflockerungen.

In Konzepten zur Ganztagsschule wird jedoch betont, dass das Engagement von Müttern und Vätern an Ganztagsschulen erwünscht ist, soll doch die Schule kein Familienersatz sein oder die Kinder der Familie entfremden.

 

Bessere Bildungschancen

 
Ein weiteres zentrales Argument für die Ganztagsschule ist die Chancengleichheit der Schüler: Kinder, die in ihren familiären Strukturen im Sinn des deutschen Bildungswesens wenig gefördert werden, können von einer längeren Zeit in der Schule profitieren. So heißt es im Berliner „Leitbild offene Ganztagsschule“, diese böte unter anderem „mehr Gelegenheiten für Sprachförderung – vor allem für Kinder nicht deutscher Herkunftssprache – durch den erweiterten Zeitrahmen des Aufenthalts in einer deutschsprachigen Umgebung“.

Und nicht nur um Sprachbarrieren geht es, sondern um Bildungsbenachteiligungen aufgrund der sozialen Situation allgemein – nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund. Im OECD-Durchschnitt schneiden Kinder mit niedrigem sozio-ökonomischen Status in Deutschland schlechter ab, die soziale Herkunft entscheidet stärker über den beruflichen Erfolg im Leben. Die Ganztagsschule könne sich gerade bei diesen Kindern positiv auswirken, wenn sie regelmäßig anwesend wären, sagen Pädagogen.

Im Bericht „Gute Ganztagsschulen – Modelle für die Zukunft!?“ der Friedrich-Ebert-Stiftung schreibt Autorin Valerie Lange, Kinder mit Migrationshintergrund sowie mit geringerem sozio-ökonomischen Status nähmen seltener als erwünscht am Ganztagsunterricht teil. Damit tragen die Ganztagsschulen derzeit nicht wie erwartet dazu bei, die soziale Selektivität im deutschen Schulsystem zu verringern – ganz im Gegenteil.

Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht das Potenzial dazu hätten, würde eine ausgewogenere Beteiligung aller Schüler/innen erreicht werden können. Da als entscheidender Hinderungsgrund „für die Teilnahme von Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialstatus der Aspekt der Kosten“ (Fischer et al. 2012: 12) angegeben wird, bieten sich hier bildungspolitische Ansatzpunkte.

Im Sinne gleicher Bildungschancen wäre eine verbildliche – gebundene – Ganztagsschule für diese Schüler von Vorteil.

 

Sinnvolle Freizeitgestaltung

 
Was ist die Alternative am Nachmittag? Fernsehen, Computerspiele, Nichtstun? Kinder, insbesondere in Großstädten, stehen nur in begrenztem Umfang Spiel- und Erfahrungsräume zur Verfügung, in denen sie informell andere Kinder treffen könnten. Stattdessen werden sie von den Eltern oder Betreuungspersonen zum Sport, Musizieren oder Tanzen begleitet, auf den Spielplätzen bewacht und nur nach vorheriger Verabredung mit befreundeten Familien zusammengebracht.

Zumindest von der Idee her verknüpft die Ganztagsschule Bildung, soziales Lernen und sinnvolle Freizeitgestaltung. Dank des erweiterten Zeitrahmens wird das soziale Miteinander der Kinder im Klassenverband gestärkt. Man sieht sich nicht mehr nur im Unterricht und während der Pausen, sondern eben auch informell am Nachmittag. Das schafft Freiräume für gemeinsame Aktivitäten, Feiern, Projekte und Arbeitgruppen, die auch klassenübergreifend sein können. Die Schüler eignen sich soziale und auch interkulturelle Kompetenzen an.

Erfahrene Pädagogen haben dabei die individuellen Fähigkeiten der Kinder im Blick und fördern diese. In den Nachmittagsstunden liegt der Schwerpunkt auf musischen oder sportlichen Fächern, ergänzt durch die Angebote außerschulischer Partner.

 

Zu wenige Ganztagsschulen in Deutschland

 
Aktuell gibt es zu wenige Ganztagsschulen in Deutschland – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Zwischen 2002 und 2013 hat sich zwar der Anteil der Ganztagsschüler von 10 auf 30 Prozent vergrößert, doch wünschen sich 70 Prozent der Eltern einen Ganztagsplatz für ihr Kind.

Wichtig ist, dass der Ausbau der Ganztagsschulen nicht nur hinsichtlich der Quantität, sondern eben auch der Qualität vorangebracht wird. Deutschland braucht gut ausgestattete Schulen, dafür sind fortlaufende Investitionen in den Bildungssektor nötig. Die Chancen auf bessere Bildung für alle Schüler, unabhängig von ihrer Herkunft, sollten wir uns nicht nehmen lassen.
 

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