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debatteWas heißt hier Rassismus?

Von Yves Bellinghausen / 1. Oktober 2018
Credits: https://pixabay.com/de/anmelden-gesellschaft-rassismus-3422241/;

Verhindert Integration Rassismus bzw. verstärkt Desintegration rassistische Tendenzen? In der aktuellen Debatte über Migration wird häufig von Integration gesprochen, obwohl Assimilation gemeint ist. Einigen gilt Assimilation allerdings als Rassismus. Verwirrt? Eine Begriffsklärung.

In klassischen Einwanderungsländer wie Großbritannien ist Immigration schon seit Jahrhunderten ein Politikum. In den USA gehört Einwanderung gar zum Gründungsmythos. Anders hier: Nicht mal als die ersten Gastarbeiter in den ’60ern in die Bundesrepublik kamen, galt Deutschland als Zielort von Migrationsbewegungen. Doch seit dem Zuzug vieler Flüchtlinge in den letzten Jahren ist den Deutschen klar geworden, dass auch ihr Land ein Einwanderungsland ist. Das sehen selbst konservative Kreise so. Und immerhin: Knapp 20 Millionen Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit haben laut Statistischem Bundesamt selbst einen Migrationshintergrund. Zeit also, um darüber zu reden, wie wir alle gut miteinander auskommen, was Integration von Assimilation unterscheidet und wo Rassismus anfängt.

In einer Sache scheinen sich die allermeisten Politiker einig zu sein: Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – in die Bundesrepublik einwandern, müssen integriert werden. Ganz allgemein versteht der Duden darunter die Eingliederung von Einzelteilen in ein größeres Ganzes. So kann ein Musiker die Songs von seinem neuesten Album in seine Bühnenshow integrieren, indem er neben den alten Liedern einfach auch die neuen singt. Bei menschlichen Individuen ist das Eingliedern in ein “größeres Ganzes” naturgemäß wesentlich schwieriger. Man kann sich in einem Land aufhalten, ohne auch nur ein bisschen integriert zu sein: etwa wenn man sich zwar physisch in Deutschland befindet, aber nur Zeit mit Leuten aus dem eigenen Herkunftsland verbringt, die Landessprache nicht spricht und so auch nicht wirklich am öffentlichen Leben, an gesellschaftlichen Debatten teilhat. Das sind die sogenannten Parallelgesellschaften, von denen besonders konservative Politiker häufig warnen. Man könnte auch von Desintegration sprechen. Aber je nach Kontext variieren Ausprägung und Verständnis dieses Begriffs.

Wo genau die Grenze zwischen Integration und Parallelgesellschaft verläuft, ist landläufig nicht eindeutig definiert. Genauso wenig, ob eine Parallelgesellschaft immer negativ konnotiert sein muss. Das Bundesinnenministerium erwartet von integrierten Ausländern aber in jedem Fall, dass sie Deutsch sprechen, „Grundkenntnisse unserer Geschichte und unseres Staatsaufbaus“ und Respekt vor dem Grundgesetz zeigen.

Eine einzige Art

Das setzt voraus, dass die aufnehmende deutsche Gesellschaft die Bereitschaft zeigt, Ausländer zu integrieren. So soll Rassismus im Keim erstickt werden. Bevor der Kontakt zwischen Mehrheitsgesellschaft und Eingewanderten in diesem Sinne funktionieren kann, müssen bürokratische Stufen durchlaufen werden. Die von CSU-Chef Horst Seehofer angestrebten ANKER-Zentren für Flüchtlinge werden jedoch von nicht wenigen Flüchtlingsorganisationen als Integrationshindernis gesehen, weil gerade sie die Kontaktaufnahme zwischen Deutschen und Flüchtlingen erschweren.

Ohnehin offenbart der Innenminister aus Sicht vieler Deutscher regelmäßig ein eigenwilliges Verständnis von Integration. Kurz nach seiner Vereidigung im März sagte Seehofer, dass zwar die deutschen Muslime zu Deutschland gehörten, nicht aber der Islam. Die Folge: Verwirrung und auch Verärgerung.

Mit dieser Formulierung wird allerdings deutlich, dass der Innenminister von muslimischen Zuwanderern mehr als Integration fordert, nämlich: Assimilation. Assimilation kommt vom lateinischen Verb assimilare, zu Deutsch: ähnlich machen, angleichen. Assimilation verlangt nach Deutschland Zugewanderten nicht nur ab, sich in der deutschen Gesellschaft einzubringen, sondern ”dem Deutschen“ ähnlich zu werden. Auf das Beispiel Sprache übertragen bedeutet das, nicht nur Deutsch sprechen zu können, sondern auch zuhause ausschließlich Deutsch zu sprechen. Oder eben: einer Religion abzuschwören, von der einige Politiker finden, sie gehöre nicht zu Deutschland.

Assimilation stellt also wesentlich höhere Erwartungen an Zuwanderer und wertet die vermeintlich landestypische Lebensweise gegenüber anderen enorm auf. So sehr, dass Wissenschaftlern und Politikern, die offen Assimilation befürworten, häufig Rassismus vorgeworfen wird.

Dieser Vorwurf hat insofern einen Haken, als dass Rassismus im engeren Sinne eine Frage der Biologie ist. Die daraus abgeleitete sozialdarwinistische Ideologie entstand im Zeitalter des Kolonialismus, als Europäer andere Kontinente besiedelten und befanden, die einheimischen Bevölkerungen seien ihnen qua ihrer “Rasse” unterlegen. Wissenschaftlich ist diese Theorie heute zwar widerlegt. In den Köpfen vieler Leute scheint sie aber noch fest verankert.

Die UN sahen sich sogar genötigt, in ihrer „Erklärung über die ‚Rassen‘ und rassistische Vorurteile“ in Artikel 1, Absatz 1 festzuhalten: „Alle Menschen gehören einer einzigen Art an und stammen von gemeinsamen Vorfahren ab.“ Gemeinsamkeiten schließen Unterschiede aber nicht aus. In Absatz 2 heißt es deshalb weiter: „Alle Personen und Gruppen haben das Recht, verschieden zu sein (…). Das Recht auf Verschiedenheit darf jedoch weder rechtlich noch tatsächlich als Vorwand für rassistische Vorurteile dienen.“ Diese Ermahnung verdeutlicht: Es herrscht noch immer zu wenig Verständnis.

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