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proWer sich abspaltet, verhindert Rassismus nicht

Von Daniel Männlein / 1. Oktober 2018
Credits: Photo by James Motter on Unsplash;

Befeuert Desintegration Rassismus? Ja, finden viele. Intuitiv wäre ich eher beim “Nein“. Und doch will ich Argumente für diese Gegenposition finden. Denn die vorliegende Frage ist angesichts zahlreicher Debatten um Migration und Integration zu wichtig, um sie nur von (m)einer Warte aus zu betrachten.

Landauf landab wird über Integration im Zusammenhang mit Flucht und Migration diskutiert. Oft wird die Gefahr misslungener Integration, kurz Desintegration, beschworen. Dabei schwingt Rassismus mit: „Die bleiben eben gerne unter sich und können sich nicht integrieren.“ Die, auf die diese Aussage zielt, nehmen die fehlende Anerkennung wiederum zum Anlass, sich weiter abzuspalten oder zu desintegrieren. Soweit, so einfach? Zu einfach!

Argument 1: Orientierung suchen, Radikalisierung finden

Die Realität der Einwanderungsgesellschaft ist komplexer. Der Appell „Integriert euch!“ ist veraltet und einseitig. Hier wird Integration mit Assimilation gleichgesetzt oder ist in ihren Forderungen schlicht realitätsfern. Die Wirklichkeit lässt sich nicht einfach in „integriert“ und „desintegriert“ unterteilen. Und doch: Was spricht eigentlich dafür, dass Desintegration zu Rassismus führt? Radikalisierung ist ein Paradebeispiel für Desintegration, islamische sowieso. Weil die globalisierte Welt so vielschichtig ist, suchen insbesondere Jugendliche ihr Heil bei (YouTube-)Predigern. Einfache Antworten auf komplizierte Fragen des Lebens und ein festes, klares Regelwerk bieten Orientierung. Zwar ist laut Studien nur eine Minderheit der Salafist_innen gewaltbereit, dennoch: Ein radikaler Islamismus ist offensichtlich rassistisch, wenn er mit Gewalt gegen minderwertige “Ungläubige“ vorgehen will. Damit sind alle anderen Kulturen und Lebensformen gemeint, insbesondere weibliche Emanzipationsbestrebungen in Form von Feminismus aber auch Homosexualität und Säkularisierung an sich, die vorrangig der westlichen Welt zugeschrieben werden. Verfestigt sich der Grad an Desintegration, wie in den letzten Jahren geschehen, steigt die Tendenz zu rassistischem Verhalten – auf beiden Seiten. All das ist schließlich auch Wasser auf die Mühlen islamfeindlicher Parteien.

Argument 2: Abgehängt und desintegriert am rechten Rand

Desintegration – aus welchen Gründen auch immer – befördert also vor allem dann Rassismus, wenn sie instrumentalisiert wird. Populist_innen erklären oft eine Minderheit oder einzelne Gruppen zum Sündenbock. Eingewanderte seien etwa für eine schlechte wirtschaftliche Situation oder Terrorismus verantwortlich. Paradox dabei ist: Dort wo die wenigsten Migrant_innen leben, ist der Hass auf sie am größten. Es scheint dort zu wenige Beispiele im Alltag zu geben, die die Stereotypen aus der Filterblase widerlegen könnten. Das ist sicherlich ein Grund, warum dort, wo man “unter seinesgleichen“ bleibt, Rassismus so gut gedeihen kann. So gilt das Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern dank einer Vielzahl bekennender Neonazis als “national befreite Zone“ und entspricht damit einer ziemlich desintegrativen, rassistischen deutschen Parallelgesellschaft. Doch auch andere Orte geraten in den Fokus: Dresden als Hauptstadt der Pegida-Bewegung oder Chemnitz, wo jüngst die AfD Seite an Seite mit Rechtsextremen “trauermarschierte“. In Ostdeutschland ist leider ein fruchtbarer Boden vorhanden für diejenigen, die die offene, multikulturelle und plurale Gesellschaft bekämpfen wollen, oder fängt es da nur an?

Argument 3: Aufstehen – aber wo bleibt der Aufstand gegen Rassismus?

Seit der Wiedervereinigung kam es zu weitreichenden Veränderungen. Nicht nur Ostdeutschland hat mit Abwanderung und Strukturschwäche zu kämpfen. Vielerorts ist die wirtschaftliche Lage nicht gut. Etliche Deutsche fühlen sich abgehängt und wundern sich, warum sie mit geringen Hartz-IV-Sätzen auskommen müssen, während Geflüchtete ebenfalls sozialstaatliche Leistungen erhalten, ohne in Deutschland gearbeitet zu haben. Die AfD lockt hier mit einfachen Parolen und Antworten und erweckt den Eindruck, sich diesen Menschen anzunehmen. Das fruchtet auch in Westdeutschland.

Die neue Aufstehen-Bewegung möchte diese Menschen nun zurückgewinnen und ihnen eine Perspektive bieten. Dabei muss sie sich der Kritik stellen, dass sich die Sammlungsbewegung nicht nur von den linksliberalen Parteien SPD, den Grünen und der Linken abheben will, weil sich ihre Anhänger_innen nicht (mehr) in bestehende Parteistrukturen integrieren wollen. Darüber hinaus möchte die Bewegung aller Globalisierung zum Trotz die häufig zitierte „nationale Gemeinschaft“ wieder stärker in den Blick nehmen, wenn es um die „soziale Frage“ geht. Auch Grenzschließungen und Europäische Desintegration sind kein Tabu. Nimmt man diese Ansätze in letzter Konsequenz ernst, kann man nur zu dem Ergebnis kommen, dass diese Bewegung die offene Gesellschaft künftig ein Stück weit schließen möchte. Dass das Rassismus womöglich Tür und Tor öffnet, sollte die Bewegung zumindest bedenken und deshalb deutlicher gegen Rassismus aufstehen, statt ihn ungewollt zu befeuern.

Fazit: Von Desintegation absehen

Sich abzuspalten birgt für den Zusammenhalt einer Gesellschaft tatsächlich Gefahren. Das eigentliche Problem aber heißt Rassismus. Und den müssen wir gemeinsam auf allen Ebenen bekämpfen. Denn Zusammenleben sollte genau das sein: ein Miteinander. Und das geht am besten durch Integration, oder?

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