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Roxana will weg

Von Nico Schmolke / 8. Oktober 2015
Credits: Paul Alexandru;

Rumänien ist ein Auswanderungsland. Junge Menschen glauben an sich selbst, und nicht an die Zukunft ihres Landes. Um zu verstehen, warum so viele Rumänen emigrieren und dabei sogar ihre Kinder zurücklassen, lohnt sich ein genauer Blick.

„Über was schreibst du heute?“, fragt mich eine junge Frau im Hostel, als ich mich gerade an den Artikel setzen will. Ich hatte ihr am Vortag vom Blogger-Projekt erzählt. „Über die Auswanderung aus Rumänien“, antworte ich. Eine andere Frau ruft sofort aufgeregt: „Ah, über mich also!“ So leicht findet man Rumänen, die auswandern wollen.

Roxana
Roxana Ion lebt nur noch vier Wochen in Rumänien. Foto: Nico Schmolke

Roxana ist 31 Jahre alt und wollte nur kurz ihre Schwester im Hostel besuchen. Sie hat ein Deutsch-Lernbuch dabei. Am 4. November geht ihr Flug nach Hamburg. Bis dahin will sie ihr Deutsch weiter verbessern. In Bukarest geboren und aufgewachsen, hat sie sechs Jahre Medizin studiert. Nun ist sie im dritten von vier Jahren ihrer Facharztweiterbildung zur Pathologin. Und will so schnell wie möglich weg aus Rumänien.

Als Assistenzärztin in der Ausbildung verdient sie umgerechnet 1.000 Euro, wegen des Geldes geht sie nicht. Was sie stört, ist die Mentalität der rumänischen Gesellschaft. Die Inkompetenz der Behörden und der Verwaltung machen ihr zu schaffen: „Man hat das Gefühl, die wollen sogar, dass du gehst.“ In Deutschland erhofft sie sich ein freieres Leben, mit verlässlichen Institutionen.

Studie weist Auswanderungswille nach

Mit ihrem Auswanderungswunsch ist Roxana nicht allein. Die Jugendstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Rumänien aus dem Jahr 2014 über Sorgen, Hoffnungen und Werte junger Menschen zeigt: Ein Drittel der 15- bis 29-Jährigen sieht sich in zehn Jahren außerhalb Rumäniens. 40 Prozent sagen, dass sie zumindest temporär auswandern wollen. Doch Victoria Stoiciu, die als FES-Mitarbeiterin die groß angelegte Studie nach Vorbild der deutschen Shell-Studie koordiniert hat, relativiert: „Dass die jungen Menschen die Auswanderungsabsicht äußern, heißt noch lange nicht, dass sie das auch konkret planen.“

Dennoch, die Bindung zur eigenen Gesellschaft ist gering in Rumänien. Die Jugendstudie zeigt, wie wenig Vertrauen in gemeinschaftliche Institutionen besteht. Die jungen Menschen erwarten für Rumänien eine schlechte Zukunft, dem politischen System trauen sie keinen Wandel zu. Über die eigene Zukunft hingegen denken sie optimistisch. Es wächst eine individualistische Generation heran, die ihr Glück zur Not eben im Ausland sucht.

Auswanderungsland ist Rumänien schon lange. Nach 1989 haben etwa drei Millionen Rumänen das Land verlassen, das nun nicht einmal mehr 20 Millionen Menschen beheimatet. Im Ausland leben nun etwa 3,5 Millionen Rumänen, wobei dazu keine gesicherten Zahlen existieren. Aus den Zielländern der Migration sind zumindest einige Daten bekannt: eine Million Rumänen in Spanien, eine weitere Million in Italien und 300.000 in Deutschland. Die Auswanderungsbewegung erfolgt wellenartig, jeder Ausschlag hat andere Gründe.

Kinder wachsen ohne Eltern auf

Mit Călin Goia im Orchester-Proberaum. Foto: Cristian Chiscop
Mit Călin Goia im Orchester-Proberaum. Foto: Cristian Chiscop

Für Rumänien insgesamt hat die Auswanderung bedeutende Folgen. So müssen Schätzungen zufolge zum Beispiel 100.000 Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen, welche Geld aus dem Ausland nach Hause schicken. Mit prominenter Unterstützung sollen die Eltern nun bewegt werden, zurückzukehren. Voltaj ist in Rumänien eine sehr populäre Band. In einer Halle der Polytechnischen Universität in Bukarest wird derzeit der Auftritt mit einem Orchester geprobt. Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf gehen an Organisationen, die mit benachteiligten Kindern arbeiten.

Frontsänger Călin Goia berichtet gerne von De la capat, dem mittlerweile europaweit bekannten Projekt. Mit dem gleichnamigen Titel nahm Voltaj für Rumänien am Eurovision Song Contest 2015 teil und machte somit auf das Problem der Kinder von Arbeitsmigranten aufmerksam. „Eltern haben uns geschrieben, dass sie weinen mussten und zu ihren Kindern zurückgekehrt sind. Wir haben mit dem Song die Herzen erreicht.“

Die Eltern sollten verstehen: „Die Kinder brauchen ihre Eltern mehr als das Geld. Die Liebe der Eltern kann nicht ersetzt werden.“ Dass sich Künstler in gesellschaftliche Debatten einbringen, ist für Rumänien eher neu. Langfristig wird es mehr als nur Songs brauchen, um Rumänen zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen. Rumänien hat indes selbst damit zu kämpfen, dass Fachkräfte fehlen. Die Politik hat bislang jedoch noch keine kohärente Strategie zur Steuerung der Migration entwickeln können.

Migration von Angebot und Nachfrage abhängig

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Im Gespräch mit Dumitru Sandu, Professor an der Fakultät für Soziologie der Universität Bukarest. Foto: Kevin Kepler

Um solche Strategien zu entwickeln, müsste die Politik die Thematik zuerst viel tiefer durchdringen. Wer das Phänomen der Auswanderung verstehen will, muss genau hinschauen. Professor Dumitru Sandu ist ausgewiesener Experte für rumänische Migration. Eilig positioniert er für die Kamera einige Bücher in seinem neuen, frisch bezogenen Büro. Mit einer Karte aus seiner neuesten Veröffentlichung will er zeigen, wie komplex das Thema ist.

„Auswanderung ist abhängig von Angebot und Nachfrage“, sagt Sandu. Aus den östlichen Verwaltungskreisen Rumäniens sind die meisten Menschen nach Italien gegangen. In Italien wurden Bauarbeiter benötigt, und die gab es eben insbesondere in Rumäniens Osten. Gleichzeitig lebten dort viele erwerbslose Frauen, die im Haushalt arbeiteten. Dazu ist Italien das europäische Land mit dem größten Bedarf an Arbeitskräften zur Betreuung alter Menschen. So sind Wanderungsbewegungen entstanden. Aus anderen rumänischen Kreisen gingen die Menschen eher nach Spanien, Ungarn oder Deutschland.

Politische Veränderungen wie die Aussetzung der Visa-Pflicht oder die Arbeitnehmerfreizügigkeit spielen ebenso eine Rolle. Letztlich müssen immer die ökonomischen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen in beiden Staaten berücksichtigt werden – in den Herkunfts- und in den Zielländern. Nur dann wird deutlich, dass der rumänische Exodus kein Problem Rumäniens ist. Sondern dass ein Wirtschaftssystem, das in der Landwirtschaft, in der Industrie und in den sozialen Dienstleistungen auf Saisonarbeiter und Billiglöhner angewiesen ist, immer Wanderungsbewegungen auslösen wird.

Ähnlich verhält es sich mit dem Bedarf an Fachkräften: Wenn demografische Schwankungen zum Beispiel zu einem Ärzte- und Lehrermangel führen, werden Menschen sich auf den Weg machen, um diese Lücken zu füllen. Jede Gruppe von Menschen hat je nach Herkunftsregion, Qualifikation oder auch Ethnizität ihre ganz eigenen Gründe für Migration.

Mehr Hochqualifizierte gehen

Und doch lassen sich auch allgemeine Trends ausmachen. Durch die Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU auch für Rumänien ist seit 2013 der Anteil der Hochqualifizierten unter den Auswanderern deutlich gestiegen. Insbesondere Ärzte verlassen weiterhin das Land, weil sie mit schlechten Arbeitsbedingungen und teilweise sehr niedrigen Löhnen hadern.

Auch wenn Rumänien seine wirtschaftliche Situation insgesamt verbessern kann, die Kluft zwischen prosperierenden Städten und verelendeten Landstrichen bleibt enorm groß. Das Vertrauen in die politische Elite ist angesichts einer Flut an Korruptionsfällen im Keller. Die Hoffnung, dass man sich auf die staatlichen Institutionen verlassen kann, ist gering. Viele Rumänen werden auch weiterhin das Land verlassen, sobald sich eine Chance auftut und die Bedingungen in den Zielländern passen.

Roxana wird Anfang November deswegen auch nicht allein in das Flugzeug steigen. Neben ihr wird ihr Bruder sitzen. Er hat gerade seinen Bachelor in Economics abgeschlossen und möchte in Deutschland mit einem Masterstudium weiter machen. Den Studienplatz hat er noch nicht, genauso wenig wie Roxana einen Ort für ihre Ausbildung zur Fachärztin. Diese muss sie komplett neu beginnen, drei Jahre wiederholen. Das ist es ihr Wert. Später soll die Mutter nachkommen, ihre schwere Krankheit sei in Rumänien nicht in guten Händen. Roxana will weg, so schnell wie möglich.

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